Flucht und Vertreibung

Die seelischen Auswirkungen von Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Ostgebieten des Deutschen Reichs und aus den besetzten Ländern werden oft nicht erkannt, weder von den Betroffenen selbst noch bei ihren Kindern und Kindeskindern.

Das hat vielfältige Gründe:

Die bis heute und über die Generationen hinweg wirkenden Folgen von Flucht und Vertreibung sind vielfältig, werden aber immer noch bei weitem zu wenig gesehen. Insbesondere ist daran zu denken, wenn Menschen sich "eigenartig" verhalten, das heißt anders, als man es ansonsten von ihnen erwarten würde, zum Beispiel: unerklärlich aufbrechende Ängste oder depressive Verstimmungen, Finanzprobleme, extreme Sparsamkeit oder Verschwendungssucht, Scheu, sich eine eigene Wohnung zu erwerben, Albträume (auch noch bei Kindern und Enkeln), übertriebene Bescheidenheit, extremer Leistungsanspruch und vieles andere mehr. Natürlich kann das jeweils ganz andere Ursachen haben, doch es wäre wichtig, wenn im Alltag ebenso wie in Psychologie und Pädagogik angesichts von unerklärlich wirkenden Verhaltensweisen und Gefühlszuständen mehr als bisher auch daran gedacht würde, dass es sich eventuell um Spätfolgen von Flucht und Vertreibung handeln könnte.

Wie es häufig vorkommt bei Traumatisierungen, brechen diese unter Umständen selbst nach längerer Zeit noch auf, ausgelöst etwa durch das älter Werden oder durch Situationen, die an damals erinnern.

Eine des öfteren beschriebene erhöhte Reizbarkeit und Ängstlichkeit in Deutschland könnte etwas mit den massenhaften Erfahrungen von Flucht und Vertreibung und mit deren Verdrängung zu tun haben. Und es steht zu vermuten, dass Ähnliches für Fremdenfeindlichkeit und mangelnde Integrationsbereitschaft gegenüber Migranten gilt.