Gedanken von Jürgen Müller-Hohagen zu dem Buch von Jörg Stanko:

Wie ich einen ostpreußischen Superhelden erfand

Promaska-Brand-Verlag, Schalksmühle, 2010


Dieses Buch bewegt sich in vielen Dimensionen. Ein 1968 Geborener richtet den Blick nach innen, auf den bleiernen Wust von Verwirrung, Beklemmungen, Schuldgefühlen angesichts der NS-Verbrechen. Über diese hat er viel Wissen – aber was ist mit der persönlichen Ebene? Im Zentrum: Wie waren die Vorfahren beteiligt? Doch sie haben geschwiegen, insbesondere die beiden Großväter. Wäre es irgendwie möglich, doch etwas mehr herauszukommen aus den schwierigen inneren Zuständen? Wenigstens etwas klarer sehen... Aber wie nur?

„Deutsch sein ist so wie Zahnschmerzen haben. (…) Es ist eine löchrige Identität, zu der Großeltern gehören, die nie darüber gesprochen haben, was sie im Krieg getan oder gelassen haben“ (S. 7).

„Trotz zahlreicher Bemühungen verstehe ich nicht wirklich, was damals passiert ist. Ich habe immer die gleichen Symptome. Nach jeder Fernsehdokumentation über die Nazis ist mir übel und schwindlig“ (S. 14).

„Meine Großväter waren beide in Russland und ich habe nie wirklich erfahren, was sie dort erlebt haben. (…) Großvater August war für mehrere Tage in einem Bombenkrater verschüttet. Er konnte als Folge davon auf einem Ohr nicht mehr richtig hören und war auch sonst vergrämt. Den Verlust seiner Heimat hat er nie verwunden. Er lamentierte stundenlang über die richtige Befüllung von Mülleimern und über den Niedergang Ostpreußens unter den Polen“ (S. 14).

Über seine Hochzeit hat er dem Enkel einmal erzählt – mit achtzig Jahren, als dieser ihn in einer Rehabilitationsklinik besuchte. „Ganz unvermittelt erzählte er mir von seiner Hochzeit. Noch sechzig Jahre später kamen ihm die Tränen.“ Die Hochzeit fand statt bereits mit der Einberufung in den Krieg.

Was könnte danach gewesen sein? Woran mag er beteiligt gewesen sein, was hat er getan, was hat er unterlassen?

Da es keine Möglichkeiten für den Enkel gibt, dies wirklich in Erfahrung zu bringen, die Ungewissheit aber ihn nicht loslässt, kommt er auf eine Idee: Er wird die Geschichte dieses seines Großvaters erfinden: „Erzählen heißt, sein Leben zu finden“ (S. 10).

„Das könnte die Lösung sein. Ich schreibe meine Geschichte um. Indem ich die Menschen verändere, die mich geprägt haben, erfinde ich mein eigenes Leben neu. Mein Großvater wird niemand sein, der Türen von Todeszügen schließt. Er ist nett. Ich erfinde einen sympathischen ostpreußischen Helden. Das wird mein Gemüt verändern. Ich werde fröhlicher, leichter und glücklicher sein“ (S. 30).

Hier klingt Ironie an – und tiefer Ernst zugleich. Aber Gemüt verändern? Ein „deutsches Gemüt“, daran mag man zugleich denken, lässt sich das denn ändern? Dieses dem „deutschen Menschen“ von den Nazis und ihren Vorbereitern so „felsenfest“ zugeschriebene „Wesen“? Und glücklicher werden – nicht durch Vergessen, sondern durch Hinwendung zur NS-Zeit? Und dann noch durch Erfinden eines „Helden“, eines, wie es im Buchtitel sogar heißt, eines „Superhelden“?

Der Enkel hat keinerlei Information, ob der Großvater in irgendeiner Weise an der Vernichtung von Menschen beteiligt war – aber ganz allgemein und nüchtern betrachtet ist so etwas wie das Türenschließen von Todeszügen bei einem Wehrmachtssoldaten doch nicht auszuschließen. Oder war die Beteiligung massiver?

Im Unterschied zu vielen anderen Zeitgenossen rechnet der Autor bewusst mit so etwas. Er verschließt nicht die Augen davor, dass die NS-Verbrechen ohne die wie auch immer zustande gekommene Mitwirkung der damaligen „Volksgenossen“ nicht möglich gewesen wären. Seine Perspektive ist weiter. Der Blick auf die Verfolgten durchzieht das ganze Buch. Das sind aber eigene Geschichten. Sie werden nicht vermengt mit der des (konstruierten) Großvaters. Sie bleiben sperrig. Überhaupt steht vieles in diesem Buch nebeneinander. Unverbunden. Ein Reflex dessen, wie es ja war.

„Opa war kein Nazi“, diese Legendenbildung, wie Welzer u.a.1 sie erforscht und beschrieben haben, diese nachträglich zwischen den Generationen herbei gedichtete Konvertierung von Tätern oder Mitläufern zu Personen des Widerstandes, genau dem begegnen wir hier nicht. Das „Glück“ des Enkels wird nicht erkauft durch das Wegschieben der Verfolgten und das Bagatellisieren einer möglichen Verbrechensbeteiligung eigener Vorfahren.

Es lohnt sehr, dies alles nachzulesen auf erstaunlichen „nur“ 94 Seiten mit so vielen Perspektiven, Dimensionen, inneren und äußeren, vergangenen, aktuellen – nicht vergehenden...

Und falls es jemand doch noch befürchten sollte: Ein „Happyend“ in Form eines „glücklichen“ Autors gibt es nicht, zum Glück.

Wieso aber der imaginierte Großvater als „Superheld“? Das bleibt rätselhaft bis zum Schluss, denn weder als „Kriegsheld“ noch als so etwas wie ein „Held der Menschlichkeit“ wird diese Erzählfigur entwickelt. Vielmehr ein ganz alltäglicher, „normaler“ Bauernbursche aus Ostpreußen, den es in den Krieg verschlagen hat. Aber immerhin jemand, der seinem Enkel etwas mitgeteilt hätte von dem, wie es wirklich war. Der also nicht nur geschwiegen und über Mülleimer und „polnische Zustände“ räsoniert hätte. Was für Verhältnisse damals, aber auch noch nach 1945, dass so etwas schon an „Heldentum“ denken lässt...


1Welzer Harald, Sabine Moller, Karoline Tschggnall (2002): „Opa war kein Nazi.“ Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis. Frankfurt: Fischer Verlag