Buchbesprechung von Jürgen Müller-Hohagen über:

Ulrike Loch: Sexualisierte Gewalt in Kriegs- und Nachkriegskindheiten.

Lebens- und familiengeschichtliche Verläufe

Verlag Barbara Budrich. Opladen und Farmington Hills, 2006

 

erschienen in: Psychosozial, Jg. 30, Gießen, 2007, S. 132-135

 

 

Auf dieses Buch ist sehr gewartet worden – vom Rezensenten, aber eigentlich noch viel mehr von Menschen in erheblicher Zahl, für die es außerordentliche Bedeutung gehabt hätte, wenn ihnen aus dem akademischen Bereich, einem der am meisten Ton angebenden Teile unserer Gesellschaft, schon früher solch eine Veröffentlichung als Resonanzraum entgegen gekommen wäre. Das hätte einen noch etwas „offizielleren“ Anstrich gehabt, als wenn sie – immer noch selten genug, aber doch zunehmend – in Therapie oder psychologischer Beratung Gehör finden. Vor allem hätten entsprechende Forschungen und Publikationen indirekte Wirkung gehabt weit in das gesellschaftliche Bewusstsein hinein, also in Familien, Kindergärten, Schulen... Stattdessen kann die Autorin als ein Ergebnis ihrer sorgfältigen und sehr lesenswerten Literaturrecherche über sexualisierte Gewalt, über die Tradierung von NS-Vergangenheit in den Familien und schließlich über deren mögliche Zusammenhänge (S. 17 – 63) nur konstatieren: „Die Frage nach sexualisierter Gewalt gegen Kinder in nationalsozialistischen Familien wurde in den vergangenen Jahren in der Forschung sehr selten gestellt, dies korrespondiert auf der Makroebene mit der Marginalisierung von Forschungen zu sexualisierter Gewalt gegen Frauen im ‚Dritten Reich’“ (S. 55).

Es geht in diesem Buch um die Erforschung eventueller konkreter Zusammenhänge zwischen politischer, speziell NS-Gewalt auf der einen und sexualisierter Gewalt im persönlichen Nahraum der Familie während Kriegs- und Nachkriegszeit auf der anderen Seite. Das ist eine ausgesprochen heikle Fragestellung, berührt sie doch gleich zwei Bereiche, in denen sich aufgrund erheblicher allgemeiner Tabuisierung wissenschaftliche Forschung mit ihren üblichen Mitteln schwer tut: seelische Nachwirkungen der NS-Zeit und sexualisierte Gewalt. Und wenn dann noch gar die Möglichkeit von Zusammenhängen thematisiert wird, liegen Einwände etwa der Art nahe, dass nach allen statistischen Wahrscheinlichkeiten selbstverständlich unter der Population von NS-Tätern und –Tatbeteiligten eine dem allgemeinen Schnitt entsprechende Zahl von Männern später sexuellen Missbrauch an Töchtern, Söhnen, Enkelkindern begangen haben dürfte. Oder umgekehrt gälte dasselbe für die Proportion von NS-Täterschaft im Hintergrund späterer Sexualtäter. Oder: Dann müsste es in anderen Ländern doch weniger an sexuellem Missbrauch geben?

Diesen durchaus bedenkenswerten Argumenten steht allerdings die beharrliche Tatsache entgegen, dass sich Menschen, die diesen Zusammenhang am eigenen Leib und in der eigenen Seele erlitten haben, immer dann in auffälliger Zahl und Intensität melden, wenn ihnen – bisher wohl überwiegend aus dem therapeutischen Raum – entsprechende Veröffentlichungen entgegen kommen. Und dann berichten sie regelhaft Haarsträubendes an Zurückweisungen, sobald sie davon etwas zu thematisieren versuchten – auch in Therapie und Beratung. Die tatsächliche oder indirekte Zuschreibung in Richtung einer paranoiden Störung war dann keine Ausnahme. Solche Mitteilungen erhält der Rezensent seit bald zwanzig Jahren, und sie sind es, die ihn parteilich – aber nicht blind oder einäugig, also nicht kritiklos – sein lassen bei dieser Fragestellung.

Nach diesen Vorspann-Bemerkungen zur besonderen Diffizilität der Fragestellung und der hohen Verleugnung, auf die sie in der Gesellschaft und im individuellen Bereich stößt, dürfte es nicht verwundern, dass in dem Buch von Ulrike Loch nicht Korrelationen oder Cluster-Analysen im Mittelpunkt stehen, also nicht statistische Berechnungen, basierend auf den Daten Hunderter Personen. Ganz im Gegenteil. Es sind vierzehn Frauen, die interviewt wurden, wobei nach Möglichkeit auch weitere Familienmitglieder eingeschlossen wurden. „Ausgegangen wurde dabei von den Erinnerungen von Frauen, die als Kinder durch mindestens einen Familienangehörigen traumatisiert wurden und deren Eltern als Erwachsene den Nationalsozialismus erlebten“ (S. 65). Traumatisiert wurden sie durch sexualisierte Gewalt. Hinsichtlich der konkreten NS-Hintergründe bei den Eltern gab es keine Auswahlkriterien. Es sind sowohl „Mitläufer“- als auch Täterfamilien enthalten.

Anwendung fand die Methode der biographischen Fallrekonstruktion, wie sie innerhalb der soziologischen Biographieforschung entwickelt wurde. In Deutschland ist das besonders mit den Namen von Gabriele Rosenthal und Wolfram Fischer-Rosenthal verbunden. Erstere war auch eng an dem Forschungsprojekt beteiligt. Dies ist ein aufwendiges Forschungsverfahren mit einer ganzen Reihe von Schritten, beginnend bei der Ausbildung für die Durchführung solcher Interviews, den Diskussionen im Forschungskolloquium und in Interpretationsgruppen, der Einzelsupervision bis hin endlich zur wissenschaftlichen Auswertung der umfangreichen Daten aus den Interviews sowie aus Akten und ähnlichem Material, dies in mehreren Stufen: Genogrammanalyse, thematische Feldanalyse, Analyse von Familienskulpturen, Feinanalyse, Kontrastierung von erzählter und erlebter Lebensgeschichte, schließlich fallübergreifend der Versuch von Typisierungen.

Dies klingt kompliziert, ist es auch, und doch gelingt es der Autorin ausgezeichnet, selbst diese eher trockenen Themen anschaulich zu vermitteln. Es ist sehr zu empfehlen, diese Passagen nicht einfach zu übergehen, um sich schnell den „Ergebnissen“ zuzuwenden, denn ähnlich wie in guter Psychotherapie ist bei dieser schwierigen Thematik der Blick auf das „Material“ wichtig – und wie sehr diese Wahrnehmungen vom Bewusstsein interpersoneller Differenz, von Diskussion und Reflexion getragen sind.

Die Rezension dieses Buches hätte ein Leichtes und Schnelles sein können, so gut sind die verschiedenen Zusammenfassungen. In vielleicht zwei Stunden ließe sich so „das Wesentliche“ darstellen. Das brächte aber große Verluste mit sich. Vielmehr geht auch der Rat für die Lektüre dahin, sich nach erstem Orientieren über Forschungsdesign und den sehr guten Überblick zur relevanten Literatur auf die drei ausführlichen (jeweils etwa fünfzig Seiten umfassenden) Falldarstellungen zu konzentrieren. Das dürfte gerade auch für therapeutisch Tätige von großem Gewinn sein. Sie werden auf eine Subtilität der Analyse stoßen, wie sie in der täglichen Fülle der therapeutischen Arbeit selten möglich ist, und so kann das Lesen auch eine Art von Fortbildung sein, zumindest ein immer mal wieder wichtiger Hinweis für das genaue Hinhören auf Details, auf Brüche, Widersprüche, sich nur Andeutendes. Gerade für psychoanalytisch Gebildete wird es dabei wohltuend und vielleicht erstaunlich zugleich sein, wie sehr hier die Unterscheidung von manifesten und latenten Inhalten und Strukturen herausgearbeitet wird.

Es war nach der fast über einen ganzen Tag gehenden Lektüre dieser drei Darstellungen, dass der Rezensent, oder reden wir lieber persönlicher, dass ich intensiv den Wunsch nach klarer Aussprache hatte, nach dem Gespräch mit meiner Frau, doch da diese gerade verreist war, half wenigstens passende Musik. Nicht aber etwaige Unklarheiten des Buches waren der Grund für diesen Zustand, ganz im Gegenteil: In diesen Berichten werden in bemerkenswerter Klarheit bestimmende Eigenarten aus den Tabubereichen sexualisierter Gewalt und der seelischen Nachwirkungen des NS-Reichs sichtbar gemacht, wie sie auch in Therapien oft nur zwischen den Worten schwingen können. In dieser intensiven Zusammenstellung verdichteten sich in mir Eindrücke von erstickender Klebrigkeit, von mörderisch-normaler untergründiger Bedrohung, von Missachtung individueller Bedürfnisse, von biedermännischer Lüge, vom männlich-weiblichen Stricken an idyllischen Familienlegenden, vom behänden Wegdefinieren der Realität des millionenfachen Mordens und eigener Beteiligung daran, Eindrücke eines Miefs, der das Morden in sich trägt, bis heute. Wie oft habe ich in Therapien von Menschen, die sich daraus zu befreien suchten, gedacht: Wenn es doch gelänge, nur den Inhalt dieser einen Stunde in aller Dichte und Abgründigkeit an die Öffentlichkeit zu bringen! Hier, in diesem Buch, ist davon sehr viel gelungen. Und das kann gerade auch für Therapeutinnen und Therapeuten von besonderer Bedeutung sein, da es aus einem anderen Bereich als dem ihren kommt, nämlich aus der akademischen Forschung.

Darauf habe ich bereits eingangs verwiesen, und das wird jetzt vielleicht noch nachvollziehbarer: Der Austausch zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen ist erst recht angesichts der hier angesprochenen Thematiken wichtig, ist unerlässlich. Was ich soeben als den Mord in sich tragenden Mief bezeichnete, bedarf ja zu seiner Konstituierung, dass die Gewaltunterworfenen von der Umgebung isoliert sind, bedient sich der Familienideologie von der heilen Welt.

Und dann antworten Therapeutinnen und Therapeuten auf die Frage, ob sie in ihrer Praxis mit Auswirkungen der NS-Zeit zu tun hätten, leider seien noch keine Opfer oder deren Nachkommen bei ihnen erschienen – dass aber ihre „deutsch-normale“ Kundschaft vorwiegend von ehemaligen „Volksgenossen“ abstammt und das NS-Reich bis heute in all ihren Äußerungen untergründig, doch eventuell sehr wirksam mitspielen kann, wird herausgehalten, wird wegisoliert. Anders ist es in diesem Buch. Hier wird in großer Klarheit Unklarheit sichtbar gemacht. Das ist wohltuend, und das kann schließlich sogar befreiend wirken, wenn man nur will und wirklich Abstand nimmt vom mörderischen Mief, der bis heute reicht.

Wichtig ist dabei noch ein Punkt: In dieser biographischen Forschungsmethode wird genau unterschieden zwischen dem, was jemand „wirklich“ erlebt hat, und dem, was sie oder er später daraus macht, wie also die eigene Lebensgeschichte und die Familiengeschichte konstruiert und dabei auch kontinuierlich umkonstruiert werden. Für therapeutisch Tätige ist dies, sollte man meinen, tägliches Brot, doch wie oft, um nur von mir selber zu sprechen, sind mir beschönigende Tendenzen, verdeckte, aber hochwirksame Loyalitäten mit gewalttätigen NS-Eltern – die als solche nie benannt wurden – entgangen, wie oft haben meine eigenen Blindheiten das Entstehen von Klarheit verhindert? Wie oft habe ich es „vergessen“, mir vor Augen zu halten, dass es ja Konstruktionen sind, die uns in der Therapie präsentiert werden und dass diese gerade in so hoch tabuisierten Bereichen äußerst schillernd sein können? Es ist also ein Buch, das auch Therapeutinnen und Therapeuten in Frage stellen kann. Das ist gut so.