Eugen Kessler
Grundlage des folgenden Textes sind zwei Tonbandinterviews, die Jürgen Anfang 1995 mit Ernst Grube führte, und dessen Lebensbericht, geschrieben in seinen letzten Jahren: Ein Leben: Eugen Kessler (1995). Eine ausführlichere Darstellung findet sich in unserem Buch Wagnis Solidarität auf den Seiten 13 bis 36, 238 bis 242, 256 bis 258.
Im Oktober 1990, also ganz kurz nach der deutschen Vereinigung, wurde die Ausstellung Lebensläufe des Vereins Zum Beispiel Dachau in der Gedenkstätte Sachsenhausen bei Berlin gezeigt. Auf der Rückfahrt kamen Eugen Kessler und Jürgen in ein Gespräch, in dem es immer intensiver um die Bedeutung von Freundschaft ging. Das wurde seinerseits dann zum Ausgangspunkt einer Freundschaft, in die bald auch Ingeborg und später ebenso Resi Grünwiedl einbezogen waren.
Seinem Lebensbericht stellte Eugen Kessler ein Zitat von Anais Nin voran: „Jeder Freund verkörpert eine Welt in unserem Innern – eine Welt, die möglicherweise erst dann geboren wird, wenn er in unser Leben tritt.“
1912 kam Eugen Kessler in München zur Welt. Der Vater, von Beruf Schreiner, musste 1914 gegen seine Überzeugungen in den Krieg, war er doch von seinem christlichen Glauben her Pazifist. Das hat den Sohn von früh an geprägt. Dieser besuchte die Volkschule, war Ministrant, machte eine Ausbildung im Malerhandwerk.
1935 wurde Eugen Kessler verhaftet. Der Grund war, dass er aus seiner pazifistischen Einstellung heraus Flugblätter der KPD verteilt hatte (was man ihm aber nicht nachweisen konnte) und dass sich bei ihm ältere Zeitungsartikel gegen die Nazis fanden. Außerdem war er 1932 an der Kampagne beteiligt gewesen: „Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler, und Hitler bedeutet Krieg.“ Gerichtlich konnte er nicht verurteilt werden, aber wie bei so vielen anderen setzte sich die Gestapo darüber hinweg und verhängte „Schutzhaft“. So kam er vom 30. November 1935 bis zum 1. Oktober 1937 ins KZ Dachau. „Jetzt lernte ich den Faschismus erst in seiner ganzen Brutalität kennen.“
„Ich habe erlebt, wie der neue Kommandant Loritz sich vorstellte. Als die Arbeitskommandos beim Appell angetreten waren, sah man neben dem Einsatztisch den Prügelbock stehen. Es marschierte eine SS-Mannschaft ein. Der zu 25 Stockschlägen auf den Hintern Verurteilte war Kamerad Alfred Haag, der nun hörbar über sein Verhalten aufgeklärt wurde: 1. Die Schläge laut mitzählen. Bei Verzählen muss bei Eins wieder angefangen werden. 2. Nach der Prozedur sind drei Achtungsschritte zum Kommandanten Loritz zu machen, und es ist mit Kehrtwendung wegzutreten. Die Füße wurden ihm festgeschnallt, und er bekam den ersten Schlag. Dann löste sich aus der SS-Gruppe ein zweiter Mann, übernahm den Ochsenziemer und führte den zweiten Schlag aus. Und so geschah die Auspeitschung bis zum 25. Schlag. Es war für uns alle eine Ewigkeit, die viele in ihrem Leben nicht vergessen haben. Erstaunt war ich, dass sich einige SS-Leute durch Kopfschütteln geweigert haben, sich an der Prozedur zu beteiligen. Von da ab hieß der Lagerkommandant bei uns ‚Nero‘. Als dem Kameraden Alfred Haag die Fesseln abgenommen wurden, machte er die drei Achtungsschritte zum Kommandanten mit so einer Heftigkeit, dass der unwillkürlich einen Meter zurückwich. Diesen Mut und seine Reaktion kann ich nicht vergessen.“
„Der Fred, das war ein solidarischer Mensch. Dem haben sie so sehr zugesetzt, weil er doch KPD-Abgeordneter im Württembergischen Landtag war, kein Blatt vor den Mund nahm, sich nicht kleinkriegen ließ. Der hat seine Tätigkeit als Verantwortlicher im Arbeitskommando in der Sicherheitswerkstätte so angesetzt, dass er einem jeden geholfen hat, wo er hat helfen können. Und wegen dem hat er ja die Auspeitschung gekriegt. Die haben nämlich in der Werkstatt nebenbei so verschiedene Dinge hergestellt, welche die SS-Leute haben wollten, Kasperlfiguren, Schachbretter und Ähnliches. Jeder SS-Mann wollte so was. Das ist alles gemacht worden für die SS-Leute privat, unerlaubt natürlich, aber alles ohne persönliche Vorteile für die Häftlinge. Doch das Material ist dann am Ende abgegangen, das hat man ja nicht angeben können, da konnte er als der Verantwortliche nicht sagen, das ist gestohlen worden, wo es doch für die SSler verwandt wurde. Und so hat er die 25 Stockhiebe auf sich genommen, um die Kameraden zu schützen. Das war der Fred. Das war die Solidarität von dem Fred.“
„Zu Fred hat ein SS-Mann einst gesagt: ‚Den da will ich morgen nicht mehr sehen.‘ Da hat der Fred zu ihm gesagt: ‚Diesen Befehl können Sie mir nicht geben.‘ Ja. Der SSler hätt’ die Pistole ziehen und ihn über den Haufen schießen können. Der war so platt, dass er gar nicht reagiert hat. Das war der Fred. Und beide, Lina und Fred, sind unsere Freunde geworden.“
„Die Wut auf den Faschismus, die hab’ ich endgültig im Lager Dachau gekriegt. Von da weg war es gar nichts mit dem Vertrauen zum Faschismus. Alles, was die gemacht haben, war für mich einfach menschenfeindlich, nicht befähigend für ein normales Leben. Denn ich hab’ gesehen, wie sich die SS in dem Konzentrationslager barbarisch benommen hat, also, es waren keine Menschen. Vorher war ich nur gegen alles gewesen, was marschiert ist, ob das BDM oder HJ war oder der Arbeitsdienst. Gegen das hab’ ich von vornherein eine Abneigung gehabt.“
Eugen Kessler hat schreckliche Misshandlungen und Mordtaten mitansehen müssen und wurde selbst auch schwer gefoltert. Die Unterstützung und Solidarität von vielen Häftlingen haben ihn, wie er immer wieder betonte, am Leben gehalten. Nicht einmal die lapidare Mitteilung seiner Verlobten, dass sie (sicherlich wie so oft auf massiven Druck der Gestapo) jemand anderen geheiratet hatte und jetzt ein Kind erwartete, konnte ihn brechen.
Nach der Entlassung im Herbst 1937 schlug er sich, ständig unter polizeilicher Überwachung, zunächst mit Schwarzarbeit durch. Dabei lernte er seine spätere Frau kennen, eine Witwe mit zwei Kindern. Erst nach dem Krieg konnten sie heiraten. Das wurde eine innige Familienbeziehung, von der uns die Tochter auch nach dem Tod der beiden noch in großer Wärme erzählte.
Es gelang ihm, 1939 die Meisterprüfung zu machen – doch kurz darauf erhielt er den Stellungsbefehl. „Ein Antifaschist mehr an der Front.“ Und dann musste er auch noch am Einmarsch in die Sowjetunion teilnehmen:
„Ich, der KZler, der von Jugend an den Krieg hasste, der zeitlebens als Pazifist und Humanist seinen Standpunkt vertrat und Flugblätter verteilte, die sich gegen den Krieg und den aufkommenden Faschismus wendeten, ausgerechnet ich war gezwungen, diesen Überfall mitzumachen. Als Kradmelder versuchte ich dann immer wieder überzulaufen, aber es gelang mir nicht. Die Infanterie hat mir einige Male den ‚richtigen Weg‘ zurück zur Einheit gezeigt.“
Erst kurz vor Kriegsende konnte Eugen Kessler zur Roten Armee überlaufen. Im Kriegsgefangenenlager Klaipeda (Memel) berichtete er zwar nicht von seiner KZ-Haft, schloss sich aber sofort dem Antifa-Komitee an und wurde schließlich zum Verantwortlichen des Arbeitseinsatzes im gesamten Lager. Dabei spielte der Betreuer für die deutsche Antifa-Gruppe, Kapitan Sadjora, eine herausragende Rolle. Für Eugen Kessler wurde dieses Lager zur „Universität meines Lebens“, wie er immer wieder hervorhob:
„Für mich besagte die allerwichtigste Erkenntnis, die ich in Klaipeda gewonnen habe, dass die Welt in Klassen gespalten ist und warum das so ist. Das war ja frappierend, da habe ich ja nie dran gedacht, dass die menschliche Arbeitskraft eine Ware ist, die der Arbeiter an den Kapitalisten verkauft. Und dass diese Ware die Eigenschaft hat, während ihres Verbrauchs über einen Arbeitstag mehr Wert zu schaffen, als Lohn dafür bezahlt wird, und dass der Kapitalist diesen Mehrwert ungestraft einheimst. Das zweite, was besonders wichtig war, ist, dass der Krieg die Fortsetzung des Klassenkampfes mit den Mitteln der Gewalt ist. So fiel bei mir eine Klappe nach der anderen.“
Ende 1948 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, hätte Eugen Kessler in der DDR, damals noch Sowjetische Besatzungszone, Direktor eines Volkseigenen Betriebes werden können, ging aber lieber zurück nach München, „wegen der Familie und auch, weil meine Grundeinstellung eine andere war.“
In München baute er ein Geschäft als Maler auf, engagierte sich politisch in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, war von 1975 bis 1990 Präsident der Lagergemeinschaft Dachau, des Zusammenschlusses der deutschen ehemaligen Häftlinge. Von vielen Seiten wurde uns später berichtet, wie hochaktiv er hier überall tätig war, kämpferisch, doch stets auch auf Ausgleich bedacht.
Am 12. Dezember 1999 starb Eugen Kessler im Alter von 87 Jahren.
Es ist ein großes Glück, dass durch seinen eigenen Lebensbericht und unsere zwei Interviews so manche bewegende Äußerung von Eugen Kessler festgehalten werden konnte. Wir geben noch etwas davon wieder (ausführlicher in dem eingangs genannten Buch).
„Solidarität ist nicht nur Hilfe für den Menschen irgendwie oder so privat, sondern sie steht im Zusammenhang mit der politischen Auseinandersetzung – mit dem Kampf für den Frieden. Das ist also die weitere Bedeutung von Solidarität. Und das hat für mich mit Antifaschismus zu tun. Natürlich können Leute sagen, sie sind nicht Antifaschisten, aber sie sind für den Frieden und setzen sich für Solidarität ein. Wenn man sich als Antifaschist bezeichnet, dann wollen einen die Leute manchmal als kritiklosen Gefolgsmann der DDR und UdSSR abstempeln. Da geraten sie bei mir an den Falschen. Ich hab’ immer kritisiert, was ich dort falsch fand. Aber ich habe darüber meine guten Erfahrungen nicht vergessen.
Solidarität ist Hilfe für den Menschen.
Antifaschismus und Solidarität gehören zusammen.“
„Ich denke an den Max Günther, der war in der Kantine im Lager Dachau und hat mit dem SS-Mann gut zusammengearbeitet. Der kannte sich nämlich mit der Organisation von so etwas nicht aus und war deshalb auf den Max angewiesen, denn der […] wusste, wie man mit alldem umgeht. Das hat der Max genutzt, um den Kameraden zu helfen. So hat er dem SS-Mann zum Beispiel gesagt: ‚Passen’s einmal auf, wir müssen im Winter‘, 35/36 war doch der strenge Winter, ‚wir müssen doch unseren Kantineneinfluss ein bissl heben, das ist doch zu wenig, was wir umsetzen.‘ Da hat der SS-Mann, ich weiß den Namen nimmer, da hat der zu ihm gesagt: ‚Ja, wie sollen wir das denn machen?‘ Sagt der Max: ‚Da hab’ ich einen ganz guten Vorschlag. Sie fahren zum Kaufhaus Tietze, zum Oberpollinger, und verlangen, ob’s keine verstaubte Unterwäsche haben, Hemden und Unterhosen. Und die kaufen Sie, und die bringen’s nei, und wir verkaufen’s.‘ Und der hat das gemacht. Das war ein Akt der Solidarität, was der Max da geschafft hat. Das aber hat der SS-Mann nicht gespannt. Der hat zwei Lastwagen voll Unterwäsche gebracht, die dann im Lager verkauft worden ist. Jeder hat sich eine Unterhose gekauft, der etwas Geld gehabt hat, und ein Hemd, weil’s kalt war. Im Drillich allein eine Stunde im Freien draußen zu stehen, das war einfach zu wenig.“
„Ich kann das Wort Freundschaft nur zusammenfassen. Freundschaft, hmm, wie kann man das schildern? Ich bin der Meinung, dass für jeden Menschen die Freundschaft das Wichtigste ist. Denn ohne Freundschaft ist das Leben zwecklos. Aber die Bedeutung der Freundschaft, die Bedeutung der Freundschaft kann einen Menschen formen. Freunde sind für uns der bestimmende Faktor, denn sie sind ein Teil unseres Denkens. Freundschaft formt uns um als ganze Menschen. Das ist ein Vertrauensverhältnis.“
„Und die unbewusste Freundschaft gibt’s auch, meine Zuneigung zum Haag, der so tapfer war, wie er die 25 Peitschenhiebe gekriegt hat in Dachau draußen von der SS, der hat mir Kraft gegeben. Da sind bei mir die Worte gekommen: Ihr kriegt uns nicht unter. Das war nicht politisch. Sondern das war einfach so sicher, dieses Auftreten von dem Menschen, dass ich mir gesagt hab’: Ihr könnt uns nicht brechen, ihr kriegt uns nicht unter.“
Gefragt nach seinem „Vermächtnis“, antwortete Eugen Kessler:
„Das hab’ ich eigentlich in dem Lebenslauf zum Schluss geschrieben: Lernen und nochmals lernen. Und Weggehen von den vorgestellten Gedankengängen – sich was sagen lassen. Ich hab’ zum Beispiel nicht genug Überblick gehabt, wie sich der Faschismus entwickeln würde. Das habe ich erst später, in Klaipeda, zu begreifen gelernt. Und darauf möchte ich die Jüngeren hinweisen: wohin es führt, wenn man zu wenig nachdenkt. Was ich ihnen zu sagen habe, ist doch das: Leute, macht die Augen auf, macht eure Erfahrungen, und glaubt nicht alles, was euch vorgesetzt wird. Ja, und die solidarische Verbundenheit, die Freundschaft, Vorbilder – ohne sie ist das Leben doch sinnlos.“
1990 lud Ingeborg Eugen Kessler in ihre Klasse an der Münchener Montessorischule ein. Er beeindruckte die Schülerinnen und Schüler noch tiefer, als es bereits ihr Besuch mit der Klasse in der Dachauer Gedenkstätte vermocht hatte.
Und dann entwickelte sich ab 1995 an Ingeborgs Wertinger Montessorischule ein bis zu seinem Tod gehender intensiver Kontakt. Er wurde hier zu „Onkel Eugen“. Es war fast wie in einer Familie.
„Es gibt im Leben wenige Stunden, die einen so bewegen, wie es mir bei euch in der Klasse ging“, so schrieb er am Pfingstsonntag des Jahres 1995 in einem Brief an diese Klasse nach seinem ersten Besuch dort.
Seinem Bericht über seine Inhaftierung und die Zeit im KZ Dachau hörten die Jugendlichen betroffen zu und stellten anschließend viele sensible Fragen.
Besonders betont hat Eugen Kessler die Solidarität unter den Inhaftierten. Eines Tages saß er in einer kurzen Pause in der Kantine des KZs, wo er sich gerade noch eine Tasse dünnsten Kaffees leisten konnte, da klirrte etwas in seiner Tasse, er trank aus – und es blitzte ihm eine Groschen-Münze entgegen. „Die hatte mir ein Kamerad hineingetan, der wohl gemerkt hatte, wie schlecht es mir ging.“
In seiner Baracke, die mit der Zeit überfüllt war, die sie aber peinlich sauber halten mussten, haben die Inhaftierten sich ständig ausgeholfen beim Bettenbau (das heißt Strohsackbau) und beim peniblen Reinigen des Bodens. Wenn nicht alles zur sadistischen Zufriedenheit der SS ausfiel, gab es harte körperliche Züchtigungen.
Auch unter Lebensgefahr gab es Solidarität unter den Häftlingen, ob sie nun Juden, Sinti und Roma, Kommunisten, Sozialdemokraten oder Geistliche beider Konfessionen waren.
Das hat die Jugendlichen sehr bewegt, und in der Folgezeit hat sie die Frage noch lange beschäftigt, wie solche Gewalt verhindert und ein friedliches Miteinander in der derzeitigen Gesellschaft erreicht werden kann.
Eugen Kessler hat es sehr gut getan, dass sich die Jugendlichen so stark für dieses dunkle Kapitel der deutschen Geschichte interessierten und dass sie entrüstet waren über die Taten der Nazis.
Zu seinem 84. Geburtstag haben die Kids dieser Klasse ein Album zum Thema „Freundschaft“ geschaffen. Jede und jeder von ihnen hat eine Seite dazu verfasst und künstlerisch ausgestaltet. In seinem Dankesbrief hat Eugen Kessler zu den einzelnen Arbeiten Kommentare geschrieben. Er hat dabei Formulierungen der Kinder hervorgehoben, die auch für ihn besonderen Stellenwert hatten:
– „Freundschaft ist für jeden wichtig!“
– „Freundschaft ist Leben.“
– „Freundschaft ist, dem anderen den Vortritt zu lassen.“
– „Freundschaft ist Vertrauen.“
– „Freundschaft ist, Verständnis zu haben.“
– „Freundschaft ist, wenn man, um einem anderen eine Freude zu machen, auf etwas verzichtet.“
– „Freundschaft kann man nur erlangen, wenn man selbst ein guter Freund ist.“
– „Freundschaft ist ein Frieden zwischen den Menschen.“
Teresa Flores, Schülerin dieser Klasse, schrieb später über die Bedeutung dieses langjährigen Kontakts zu Eugen Kessler:
„Obwohl ich mich nicht an einzelne Gespräche mit Onkel Eugen erinnere, sehe ich ihn noch vor mir. (…) Ich hatte immer das Gefühl, dass ihm der Kontakt mit uns sehr viel bedeutet hat und er immer gerne zu Besuch kam. Wie sonst wäre es zu erklären, dass ich auch heute noch, so viele Jahre danach sofort an ‚unseren Onkel Eugen‘ denke. Für mich persönlich, aber ich glaube auch für alle anderen Mitschüler, waren die Begegnungen mit ihm etwas ganz Besonderes. Durch Onkel Eugen und seine Erzählungen und Schilderungen wurde für uns das Thema NS-Vergangenheit etwas ‚greifbarer‘ und auch persönlicher. Viel mehr als nur ein anonymer Teil unserer Vergangenheit, der in Geschichtsbüchern nachgelesen wird. Ich weiß noch, dass er uns teilweise unter Tränen von diesen schweren Jahren erzählt hat. Obwohl er Schreckliches erlebt hatte im KZ-Dachau und auch später, haben sie es nicht geschafft, ihn zu brechen. Er war und blieb Zeit seines Lebens ein Mensch, der sich für seine Mitmenschen und Mitmenschlichkeit einsetzte – sogar, wenn er dadurch sein eigenes Leben gefährdete!“
Katharina Feistle, auch ehemalige Schülerin aus dieser Klasse schrieb:
„Mir gefiel vor allem seine offene Art und dass er in seinem Alter noch zu uns kam, um uns von seinen Erlebnissen zu erzählen. (War er nicht schon an die 90?) Meinen Opa, der in Kriegsgefangenschaft war, durfte ich nichts darüber fragen. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke und mir überlege, was mir für mein Leben wichtig ist, denke ich, dass Eugen nur deswegen so offen damit umgehen konnte, weil er mit sich sehr klar war und zu einer inneren Lösung des Ganzen für sich kam.“
Regina Baumann drückte ihre Erinnerungen folgendermaßen aus:
„So ist unser ‚Klassenonkel‘ Eugen Kessler als Person noch lebhaft in meiner Erinnerung und für mich immer wichtig gewesen. (…) Ich bin mir nicht mehr sicher, aber ich glaube, er hat bereits vor dem Krieg geahnt, dass mit Hitler Krieg kommen wird. Er hat sich also getraut, die Wahrheit zu sagen, und ist dafür inhaftiert worden. Er hat von Folterungen und stundenlangen Appellen erzählt, aber da weiß ich keine Einzelheiten mehr – beeindruckend war für mich ein vom Leben geprägter alter Mann in unserem Kreis, der nicht mehr reden konnte, weil in seinem Hals ein großer Kloß hing und es ihm das Wasser in die Augen trieb. Ja, und trotzdem war es sein großer Wunsch, dass wir von seiner Geschichte erfahren, auch wenn es ihm nicht leichtgefallen ist. Dieses Bild ist für mich wichtig und hängen geblieben und gehört in die Kategorie Vorbild! Auch wenn es schwer fällt, ist es wichtig, für die Wahrheit zu stehen. Du hast also durch deine Vermittlung von Eugen Kessler an mich dazu beigetragen, dass ich auch eine Art Zeitzeuge geworden bin, wenn auch nur in zweiter Generation.“
