Traumatisierungen

Jürgen Müller-Hohagen

Mit dem Wort Trauma, im Plural Traumen oder Traumata, als Vorgang Traumatisierung, werden Ereignisse und die dadurch hervorgerufenen Schockzustände und deren seelische und körperliche Folgen bezeichnet, bei denen große Gefährdungen für die betreffende Person auftraten, Gefährdungen für Leib und Leben, Gefährdungen der seelischen Balance und Integrität, der sozialen Anerkennung, der materiellen Existenzbasis, des Grundvertrauens in die Welt.

Das ist ein weites Feld und kann niemals objektiv festgelegt werden, denn die Wirkung des Ereignisses hängt wesentlich von der biopsychosozialen Verfassung des betroffenen Individuums ab. Wie alt ist es? Hat es schon mit etwas gerechnet, oder wurde es völlig unerwartet getroffen? Welche Bedeutung hat der verletzte Bereich? Wie ist der soziale Kontext? Welche Ressourcen gibt es? Erfolgte die Traumatisierung zum ersten Mal, oder gingen ihr andere voraus, vielleicht ähnliche, vielleicht auf demselben Gebiet? Was wird dem Individuum nach der Traumatisierung von der umgebenden Gruppe oder der Gesellschaft insgesamt entgegengebracht? Mitgefühl oder Ablehnung oder Ignoranz? Offene oder verdeckte Schuldzuschreibungen? Welche bewusste und unbewusste Bedeutung gibt das Individuum selber dem Ereignis?

Von Retraumatisierung wird gesprochen, wenn auf ein bereits erlebtes traumatisierendes Ereignis ein weiteres, ähnliches, denselben Bereich attackierendes folgt.

Mit kumulativem Trauma bezeichnet man die Abfolge kleinerer Verletzungen, die in ihrer Häufung und gegenseitigen Verstärkung zu einer Traumatisierung führen.

Der wichtige Begriff der sequenziellen Traumatisierung wurde von dem während der NS-Besatzung in den Niederlanden im Untergrund tätigen deutsch-jüdischen Arzt Hans Keilson geprägt. Kinder hatten ihre Eltern durch deren Deportation verloren, waren selber aber noch rechtzeitig von diesen bei christlichen Familien untergebracht worden, hatten die extreme Belastung der Trennung von den Eltern und der unklaren Informationen zu tragen, mussten als angebliche Verwandte der „neuen Familie“ eine christliche Identität annehmen, konnten und mussten das alles noch ohne sichtbare Zeichen einer seelischen Störung bewältigen, brachen nicht selten aber dann zusammen, wenn sie nach Kriegsende plötzlich erfuhren, nicht zu dieser Familie zu gehören und dass ihre wirklichen Eltern ermordet wurden und dass sie jetzt von überlebenden Verwandten „zurückgeholt“ wurden. Eine Sequenz folgte der anderen – sequenzielle Traumatisierung.

Im Unterschied zu den angelsächsischen Ländern führte der Begriff des seelischen Traumas in der deutschen Gesellschaft und in der Psychologie und Psychiatrie lange Zeit ein Schattendasein. Nur in einer eingeschränkten Bedeutung als körperliche Verletzung wurde er in der Medizin verwandt. Während in anderen Ländern bereits im Übermaß die Diagnose Psychotraumatic Stress Disorder gestellt wurde, fiel es noch Mitte der achtziger Jahre schwer, zum Beispiel beim Blick auf behinderte Menschen und deren Angehörige zu begreifen, wie sehr bestimmte Auffälligkeiten gerade nicht auf „die Behinderung“ zurückgingen, sondern auf Traumatisierungen, wobei diese nicht zuletzt auch mit dem sozialen Umfeld zu tun hatten.

Es steht zu vermuten, dass historische Hintergründe bei dieser verzerrten Sichtweise eine wichtige Rolle gespielt haben. In Deutschland gab es eine lange Tradition der „Mannhaftigkeit“, die weit über das Nazi-Reich zurückgeht. Und die Extremtraumatisierungen, die zwischen 1933 und 1945 millionenfach anderen angetan wurden, ließen sich wirksam aus dem Bewusstsein fernhalten, wenn es solch eine Kategorie erst gar nicht gab, sondern psychisches Leiden nur auf „eigene Schwäche“, „eigene Schuld“, nicht aber auf äußere Einflüsse zurückgeführt wurde. Der Preis allerdings, den die ehemaligen Volksgenossen und ihre Nachkommen für diese Strategie zu zahlen hatten, bestand darin, dass die eigenen Traumatisierungen in Krieg, Flucht, Vertreibung nicht wirklich in Sprache kommen konnten. Für ein ruhiges gesellschaftliches Leben und den konzentrierten Wiederaufbau mag das nicht ohne Vorteil gewesen sein, für die psychische Situation der Einzelnen dagegen nur sehr bedingt.

Es ist als Fortschritt zu werten, dass mittlerweile die Bedeutung von Traumatisierungen allgemeiner gesehen wird und dass nach Katastrophen wie denen von Ramstein und Eschede allmählich ein Netz von speziell ausgebildeten Sanitätern sowie von Notfallpsychologen und -theologen aufgebaut wird. Zugleich besteht die Gefahr der Inflationierung des Traumabegriffs.

Für die Arbeit des Dachau Instituts ist daher auch an dieser Stelle ein genaues Differenzieren unerlässlich. Traumatisierungen von Verfolgten können zwar, wie alles auf der Welt, verglichen werden, darunter auch mit solchen bei Tätern und sonstwie Tatbeteiligten oder auch mit den Schockerlebnissen von Menschen, die beispielsweise durch einen Unfall plötzlich einen geliebten Menschen verloren haben. Aber: Es gibt Unterschiede, die dann auch zu berücksichtigen sind. Der entscheidende besteht darin, dass die ersteren das Trauma erlitten, weil andere Menschen das gewollt haben. Und der Unterschied zum Opfer eines Gewaltverbrechens besteht darin, dass es sich nicht um Einzeltäter handelte, sondern dass es das Gemeinwesen war, das dies so wollte – und dass die allermeisten Mitmenschen ringsum einverstanden waren. Und Opfer einer Naturkatastrophe oder eines technisch bedingten Unglücks zu werden, ist furchtbar und verdient jede nur mögliche Hilfestellung, aber es ist grundlegend anders als das, was die Menschen, denen die Zugehörigkeit zur Menschheit abgesprochen worden war, unter den Nazis zu erleiden hatten. Wenn also verglichen wird, dann richtig.

Eine weitere Gefahr pauschalisierender Betrachtungsweisen besteht in einer versteckten Pathologisierung der Überlebenden durch die Zuschreibung von Traumatisierungen, wenn nämlich deren Unruhe, deren Misstrauen und Angst individualisierend abgelöst wird von den sozialen Situationen, auf die sie zurückgehen, und von möglichen Gefahren in Gegenwart und Zukunft, auf die sie hinweisen können.