KZ-Gedenkstätte Dachau
Stellen wir uns vor: Ein Außerirdischer, der schon viel weiß über deutsche Gegenwart und Geschichte, findet sich unvermittelt auf dem Appellplatz der Dachauer KZ-Gedenkstätte wieder. Vor sich sieht er eine lange Pappelallee, beidseits gesäumt von großen rechteckigen Fundamenten, die ehemaligen Baracken symbolisierend, wie er seinem Audioguide entnimmt. Doch in der Mitte, am Ende der Allee, was ist das nur für ein Gebäude? „Die Todesangst-Christi-Kapelle“, erfährt er, errichtet von katholischer Seite. Links daneben, das ist die Versöhnungskirche, evangelisch. Und rechts, der dritte Bau an der Stirnseite des Geländes: der jüdische Ort des Gedenkens. Und jenseits der Mauer, die Dächer und der Turm: das Kloster der Karmelitinnen. Und weiter links in Richtung zum Krematorium: eine orthodoxe Kapelle. Und gut einen Kilometer entfernt am Leitenberg, wo nach der Befreiung des Lagers 7000 Leichen beerdigt wurden, eine weitere Kapelle, „Regina Coelis“ genannt, „Himmelskönigin“. Also ganz überwiegend christliche Orte.
Nun die große Frage: Wozu diente dieses Lager? Der Außerirdische kann gar nicht anders als zu dem Schluss zu kommen, es hier mit den Zeugnissen einer eklatanten Christenverfolgung zu tun zu haben. Wie unter Nero im Römischen Reich. Dieses Mal waren auch Juden mit einbezogen, aber wohl eher etwas nebenbei. Insgesamt also ein religiöser Ort, Gedenken an Märtyrer, die für ihren Glauben gestorben sind.
In Wirklichkeit aber wurde das KZ Dachau am 22. März 1933 von den Nazis errichtet, um dort massenhaft politische Gegner zu internieren, fürchterlich zu quälen und viele umzubringen: Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Linke.
In der Ausstellung der Gedenkstätte wird auf sie eingegangen – aber reicht das wirklich aus?
Wo findet sich für sie ein weithin sichtbares Denkmal?
Ein Denkmal für den Widerstand.
Um nicht missverstanden zu werden: Juden wurden im KZ Dachau besonders grausam behandelt, und so ist es absolut notwendig, dass an sie deutlich erinnert wird.
Anders verhält es sich mit der christlichen Seite. Zwar wurden in Dachau Geistliche, vor allem aus Polen, zentral zusammengebracht und mussten viele von ihnen in der berüchtigten „Plantage“, Himmlers landwirtschaftlichem Versuchsgut, unter schrecklichen Bedingungen schuften und sind Hunderte gestorben – aber es waren 2700 unter insgesamt mehr als 200000 Häftlingen. Ohne das ihnen Angetane auch nur im Geringsten zu verringern – aber wieso diese öffentliche Überrepräsentanz des Christlichen im weithin sichtbaren Gedenken?
Natürlich ist es klar: Nicht die Verhältnisse im Lager zwischen 1933 und 1945 werden darin sichtbar, sondern es ist die Nachkriegsgeschichte in Westdeutschland mit Restauration, Kaltem Krieg, Antikommunismus.
Und große Schwierigkeiten im Umgang mit dem Widerstand.
