Richard Titze
Der folgende Text basiert auf einem sechsstündigen Interview, das Jürgen im Jahr 1989 mit Richard Titze für die Ausstellung Lebensläufe des Vereins Zum Beispiel Dachau führte. Ausführlicher ist es wiedergegeben in unserem Buch Wagnis Solidarität – Zeugnisse des Widerstehens angesichts der NS-Gewalt (Psychosozial Verlag, 2015, S. 107 – 120).
Geboren wurde Richard Titze am 29. September 1910 in Essen. Erlebnisse während des Ruhrkampfes 1921/22 haben ihn persönlich und politisch geprägt. Die Familie wohnte in der Nähe des Essener Polizeipräsidiums, und der damals elfjährige Junge bekam mehrfach mit, wie von den Weißgardisten brutal gegen die Spartakisten vorgegangen wurde. Auch die Maschinengewehrsalven der Erschießungskommandos hörte er. Besonders zum Nachdenken kam er durch folgende Beobachtung:
„Beim Einmarsch der Weißgardisten nach Essen lagerte der Tross (Pferde, Bagagewagen) vor dem Polizeipräsidium, und als Kind war ich neugierig und sah mir das an – und dann sah ich, dass dort von den besseren Frauen, also die sich bessere Frauen nannten, die Pferde mit Schokolade gefüttert wurden! Schokolade aber gab es bei uns zu Hause fast nie. Sie war für uns der Inbegriff des Genusses. Da kam mir zu Bewusstsein, dass es zwei Klassen gibt. Da begann ich, klassenbewusst zu denken.“
Während der Ruhrbesetzung 1923 wurde Richard Titze Zeuge weiterer politischer Kämpfe. Als bei einem großen Streik 16 Krupp-Arbeiter getötet wurden, gab es bei der Beerdigung „eine Riesendemonstration der Arbeiter, über hunderttausend waren dabei, Christ neben Kommunist, ‚Nie wieder Krieg‘.“
„Für mich war das Hakenkreuz, das die Weißgardisten an ihren Stahlhelmen aufgemalt hatten, und ihr Lied, das man sie immer wieder grölen hörte mit dem Refrain: ‚Hakenkreuz am Stahlhelm, schwarz-weiß-rotes Band, die Brigade Ehrhardt werden wir genannt‘, also das Hakenkreuz war für mich der Inbegriff der Diktatur gegen die Arbeiterklasse.“
1926 begann Richard Titze seine Lehre als Maurer bei Krupp, und im gleichen Jahr trat er dem Kommunistischen Jugendverband Deutschlands bei. In dessen Essener Unterbezirk engagierte er sich aktiv. Mit großer Sorge verfolgte er das Erstarken der NSDAP und verstand ebenso wie viele andere junge Genossen nicht, wieso die Parteiführungen von KPD und SPD sich so scharf gegeneinander abgrenzten, die Kommunisten mit der Parole: „Schlagt die Sozialfaschisten, wo ihr sie trefft!“ und die Sozialdemokraten mit der Version: „Die Kommunisten sind die Söldner Moskaus und werden von dort bezahlt!“
Jedenfalls verstärkten sich unter den Mitgliedern die Einheitsbestrebungen, entgegen den Parteibeschlüssen. Es gab auch eine Vielzahl von Kontakten zu christlichen Gruppen.
Von der Radikalität, mit der die Nazis nach der Machtübertragung vom 30. Januar 1933 gegen jedwede Opposition vorgingen, seien die Kommunisten trotz aller Warnungen in seinem Bereich nicht ausreichend vorbereitet gewesen. Erst ab Spätsommer 1933 sei eine konspirative Organisation der Linken aufgebaut worden. Alle, insbesondere die Jugend hätten begriffen: Hitler bedeutet Krieg. Sie sahen sich vor der Wahl, entweder für ihn im Krieg sterben zu müssen oder dafür zu kämpfen, einen Krieg zu verhindern.
„Das war für uns eine patriotische Tat, illegal den Kampf für unser Deutschland aufzunehmen, damit es nicht gehasst oder zerstört würde. Und wir sahen ja auch noch die Zerstörungen und Folgen des Ersten Weltkriegs.“
Ende 1934 wurde Richard Titze verhaftet und von der Gestapo grausam verhört. Wie so viele andere aus dem Widerstand wurde er später vor Gericht gestellt und zu einer hohen Zuchthausstrafe verurteilt.
Auch wenn er dann „normaler Zuchthäusler“ war, wurde ihm als Kommunist immer wieder besonders zugesetzt. Selbst unter diesen Bedingungen gelang es den Gefangenen, sich solidarisch zu unterstützen. Als dies verraten wurde, kam Richard Titze, wie auch 16 weitere Kameraden, vier Wochen in Bunkerhaft und dann für ein Jahr in strenge Einzelhaft. Aber keiner von ihnen wurde verraten. Anschließend entgingen sie, angeklagt für diese Solidarität, nur knapp einem Todesurteil vor dem berüchtigten Volksgerichtshof.
Was ermöglichte es Richard Titze und seinen Kameraden, trotz all dieser Extrembelastungen nicht den Mut zu verlieren? Es war, wie er es im Interview ausdrückte, „das Bewusstsein, du hast recht. Was vorausgesagt war, das bestätigte sich doch immer wieder. Deine Haltung kommt ja nicht aus der Luft heraus. Sie beruht auf einem Wissen. Wir haben ja auch Bücher gelesen, haben aufgebaut auf einem politischen Wissen. Das war unsere Stärke.“
Im Dezember 1942 wurde er aus dem Zuchthaus entlassen. Er wog 46 Kilogramm. Statt der Freiheit aber wartete die Gestapo auf ihn. Auch dies war übliche Praxis im NS-Reich.
Zum KZ Dachau, wohin er nun verbracht wurde, war ihm schon seit Jahren der Spruch bekannt: „Lieber Gott, mach mich stumm, dass ich nicht nach Dachau komm.“ Und er fügte im Gespräch hinzu: „Schon damals war für uns Dachau ein Inbegriff des Terrors.“
Nach seiner Einlieferung hielt der SS-Blockführer einen Begrüßungsappell, den Richard Titze nie mehr vergessen konnte und der sinngemäß so lautete: „Figuren, herhören! Ihr habt jetzt eine Nummer, das heißt, dass ihr nur noch Kreaturen seid. Indem ihr die Nummer habt, seid ihr aus der menschlichen Volksgemeinschaft ausgeschlossen.“
Unter diesen Bedingungen hätte Richard Titze wie so viele andere wahrscheinlich nicht die erste, meist besonders harte Zeit im Lager lebend überstanden, wäre da nicht die Solidarität insbesondere von kommunistischen Mitgefangenen gewesen. Immer wieder kam er im Interview in diesem Zusammenhang auf das Wirken der illegalen Lagerleitung zu sprechen, das heißt von Häftlingen, die es geschafft hatten, unbemerkt von der SS gewisse Abläufe so zu beeinflussen, dass zum Beispiel besonders gefährdete Kameraden aus deren Blickfeld gerieten. Wie furchtbar aber diese ganz Zeit auch für Richard Titze war, zeigte sich nicht zuletzt daran, dass er bei der Befreiung im April 1945 wieder nur noch 49 Kilogramm wog.
Zuvor hatte er noch am später viele Jahre vergessenen Dachauer Aufstand teilgenommen, bei dem es ehemaligen und im Chaos der letzten Tage des KZ entwichenen Häftlingen gelungen war, in der Stadt einen Aufstand auszulösen, um deren sinnlose Verteidigung gegen die anrückenden amerikanischen Truppen zu verhindern. Nur knapp entging Richard Titze dabei dem Tod.
Nach der Befreiung blieb er in Dachau. Unermüdlich arbeitete er für die Unterstützung der Überlebenden und die Aufklärung der Verbrechen und war am jahrzehntelangen Kampf für die Einrichtung der Gedenkstätte beteiligt.
Bis zum Ende seines Lebens stand der Auftrag vor ihm, den sie sich bei der Befreiung gegeben hatten und der sinngemäß so lautete: „Wir sind es uns und den toten Kameraden schuldig, unsere Kraft einzusetzen, dass nie wieder die Herzen und Hirne von der Ideologie des Faschismus vergiftet werden.“
So sagte er es auch im Oktober 1988 auf Nachfrage eines Schülers, als Ingeborg ihn an die Montessorischule in München eingeladen hatte. Das war damals noch etwas Seltenes.
Besonders seine klare, direkte Sprache hat die Jugendlichen beeindruckt. Es hat sie auch gewundert, dass Richard Titze in Dachau eine Familie gründete und dort wohnen blieb und nicht das Weite gesucht hat. Er sah seine dringende Aufgabe darin, an Ort und Stelle Zeugnis abzulegen und besonders junge Menschen zu informieren und zu warnen.
Voller Staunen und Bewunderung und mit dem Versprechen, alles weiterzuerzählen, haben sich damals Schüler:innen und Lehrkräfte von ihm verabschiedet.
Richard Titze war und blieb Kommunist und wurde in Dachau weithin geachtet. Seine Stimme hatte Gewicht. An vielen Diskussionen beteiligte er sich. Seine Wortbeiträge begann er typischerweise mit den Worten: „Also, Freunde, ich sehe das so…“
Der DDR stand er durchaus kritisch gegenüber. Sehr plastisch kam dies zum Ausdruck, als Jürgen im Oktober 1989 mit zwei Psychologenkollegen aus der DDR bei ihm war, die er auf einer Tagung in München kennengelernt hatte. Richard Titze, der westdeutsche Kommunist aus der Arbeiterklasse, erklärte ihnen in aller Deutlichkeit, dass sie in der DDR den Kapitalismus und dessen Raffinesse hoffnungslos unterschätzen würden. Die beiden – der eine Professor, der andere Doktor – saßen da wie die Schulbuben und stammelten:
„Es ist so wertvoll, diese alten Kommunisten zu hören.“
Wenige Wochen danach war der Mauerfall. Elf Monate später fand die deutsche Vereinigung statt. Genau an deren Tag, dem 3. Oktober 1990, starb Richard Titze überraschend im Alter von 80 Jahren.
