Resi Grünwiedl – die Kämpferin
Im Jahr 1992 kam es zur Partnerschaft zwischen Eugen Kessler und Resi Grünwiedl. Beide waren verwitwet und kannten sich seit Jahrzehnten aus der politischen Arbeit. Solange es ging, lebten sie jetzt in Resis Haus. Später bezogen sie ein Zimmer in einem Altenheim bei München, das ausdrücklich für Antifaschisten eingerichtet worden war, damit sie nicht in ihren letzten Jahren die Redereien ehemaliger Nazis ertragen müssten.
Es entwickelte sich eine bewegende und sehr tiefgehende Freundschaft zwischen uns vieren. Voll Staunen hörten wir, dass Resi, diese Kämpferin, das Unglaubliche geschafft hatte – zweimal Martin Grünwiedl, ihren Mann, aus dem KZ Dachau freizubekommen.
Zum Glück hat Ingeborg Anfang 1995 ein Tonbandinterview mit Resi geführt. Daraus geben wir im Folgenden Ausschnitte wieder. Ein ausführlicherer Bericht findet sich in unserem Buch Wagnis Solidarität auf den Seiten 37 bis 52.
Resi Grünwiedl wurde 1905 auf einem kleinen Bauernhof in Niederbayern geboren. Es ging sehr karg zu.
Resi: „Über mein Leben? Das kann ich ganz gut erzählen. Von meiner Geburt an? Ich bin im Feld draußen geboren worden. Ja. Da hat mich meine Mutter verloren. Ja, die hat gearbeitet, und währenddessen hat sie entbunden. Sie ist heim natürlich, aber Niederlegen hat es überhaupt nicht gegeben.“
Die fünf Kinder, drei weitere starben früh, mussten von klein auf mitarbeiten. Im Ersten Weltkrieg kam der Vater an die Front. Die Mutter brachte die Familie mit aller ihr möglichen Tatkraft durch. Zum Glück hat der Vater den Krieg überlebt. Ingeborg fragte nach Erinnerungen aus der Schulzeit.
R: „E“s war nämlich mal so, dass wir, eine Freundin und ich, spazieren gegangen sind. Da haben wir recht Durst gehabt. Wir sind auf einen großen Acker hin und haben so weiße Rüben, aus denen man das Rübenkraut macht, ausgezogen und gegessen, dass uns der Durst gelöscht war. Und da hat uns eine Schulkameradin gesehen und hat geschrien: ‚Was macht ihr da? Das sag’ ich!
Ich bin am nächsten Tag in die Schule und da hab’ ich natürlich Angst gehabt, jetzt geht’s mir an den Kragen! (…) Und hernach hab’ ich drei Tatzen gekriegt. Ich weiß nicht, ob ihr auch Tatzen gesagt habt, bei uns hat’s geheißen: Tatzen, und die sind darüber gekommen, über die Hände. Da haben’s mir natürlich wehgetan. Drei für’s Lügen, drei für’s Stehlen. Und von der Stund an hab’ ich bloß das gemacht, was ich machen hab’ müssen in der Schule, aber ich hab’ mich niemals mehr bereit erklärt, anderen zu helfen – so beleidigt war ich. Die andere hat von ihrer Lehrerin nur eine gekriegt für’s Lügen und eine für’s Stehlen und ich sechse, das war ungerecht. Das tut mir heute noch weh, wenn ich dran denk.“
Ingeborg kam zu dem Schluss: „Du hattest also schon früh einen großen Gerechtigkeitssinn.“
Als Jugendliche zog es Resi dann fort, zuerst in Stellung bei einer wohlhabenden Familie in der Nähe, dann bei anderen Familien in München. Zwölf bis fünfzehn Stunden am Tag. Als sie ungerechte Behandlung erfuhr, hat sie das sehr erzürnt. Schließlich arbeitete sie in einer Zigarrenfabrik. Zusammen mit ihrem späteren Mann Martin Grünwiedl, sie heirateten 1932, engagierte sie sich politisch und trat schließlich ebenfalls in die Kommunistische Partei ein. Über die ungerechte Bezahlung in ihrer Fabrik veröffentlichte sie einen Artikel in einer Parteizeitung. Und es erfüllte sie mit großer Genugtuung, als sie an einer Frauenkonferenz der Partei teilnahm.
„Das war meine erste politische Handlung. Die waren ja alle so begeistert, weil endlich mal die Ungerechtigkeit aufkam, wie sie ausgebeutet werden. Auf mich haben sie ja keinen Verdacht gehabt. So einen Bericht hat mir keiner zugetraut. Und so ist es dann bekannt geworden, wie es zuging in den Fabriken. Ich bin 1932 in die Partei gegangen. Und ich hab’ für die Partei viel gearbeitet, ganz viel. Ich hab’ immer eine Zeitung verkauft, die hat Kämpferin geheißen, die Zeitung. Sie hat ein Zehnerl gekostet, und da bin ich in die Geschäfte rein, am Freitag, hauptsächlich in die Fleischgeschäfte, und hab’ gerufen: ‚Jetzt kommt die Kämpferin, richtet zehn Pfennig her!‘ Die haben sie mir abgekauft. Und so haben wir Hauspropaganda gemacht, immer wieder – auch jeden Sonntag.“
Das mit der Kämpferin, das hat sich in uns festgesetzt, das passte so sehr zu Resi.
Schon im Jahre 1932 hatte sie den Motorrad-Führerschein gemacht – als dritte Frau in München. So konnte sie auch allein Schriften vor den vierzig Betrieben auf ihrer Liste verteilen. Sobald Polizei auftauchte, verschwand sie von der Bildfläche.
Martin Grünwiedl war als Kommunist neben seiner Arbeit politisch aktiv und dadurch polizeilich registriert und bekannt. Im Zuge der ersten Verhaftungsaktion der Nazis in Bayern wurde er am 10. März 1933 ganz früh aus seinem Bett geholt und aus seiner Wohnung verschleppt. Ohne Angabe von Gründen wurde er in „Schutzhaft“ genommen. Am 23. März 1933 – dem zweiten Tag der Eröffnung des Konzentrationslagers Dachau – kam er mit 200 weiteren Kommunisten dort hin.
Resi schrieb viele Gesuche an die Gestapo, um ihn freizubekommen. Auch sein Chef, der Malermeister – ein Nazi-Anhänger – tat alles, um seine tüchtige Arbeitskraft aus dem KZ herauszuholen. Kunden und Münchner Architekten, mit denen er gearbeitet hatte, fragten nach ihm.
Die folgenden Passagen geben wir aus dem Interview zwischen Ingeborg und Resi wieder:
R: In Obergiesing, in der Raintalerstraße, in der wir unser kleines Zimmer hatten, da waren 16 Parteien drin. Als mein Mann damals verhaftet worden war, da hab’ ich Unterschriften gesammelt, und alle haben unterschrieben, dass er ein anständiger Mensch ist. Die Leute im Haus haben gesagt: ‚Sie hätten eigentlich ins Lager gehört, Frau Grünwiedl, Sie haben so ein vorlautes Maul!‘
I: Und was haben sie als Grund angegeben für Martins Verhaftung?
R: Politisch betätigt. (…)
I: Du hast etwas Tollkühnes unternommen, was sich meiner Meinung nach nur ganz wenige Frauen getraut haben.
R: Ich bin in der Woche zwei bis drei Mal in die Gestapo gegangen. Einfach hingegangen. Und da hab’ ich gesagt, sie sollen meinen Mann raustun.
I.: Und haben die dich denn vorgelassen?
R: Die hätten mich nicht vorgelassen. Da hab’ ich das erste Mal die Hand nauf.
I: Hitlergruß?
R: Ja, sonst hätt’ ich ja nicht zum Adjutant Rottenhuber können. Die Hand nauf. Und da hab’ ich gesagt, ich bin bestellt. Aber es ist gar nicht wahr gewesen. Ich hab’ zuerst auf die Uhr geschaut, und um die und die Zeit bin ich bestellt, hab’ ich gesagt.
I: Bei wem?
R: Beim Adjutanten Rottenhuber. Das hatte ich von einer Bekannten erfahren, dass der so gut ist und dass alle schauen, dass sie zu ihm hinkommen.
I: Was hast du dem denn gesagt, dem Adjutanten Rottenhuber?
R: Ja, da hab’ ich warten müssen heraußen, bis ich drangekommen bin. Natürlich hab’ ich schon gezittert, weil ich aufgeregt war.
I: Vor Angst.
R: Und dann hab’ ich’s ihm gesagt, wie es war, dass sie ihn geholt haben, und ich tät’ ihn halt freundlichst ersuchen, dass er mir helfen tät’, dass er wieder rauskommt. Ja.
I: Was hat er da gesagt?
R: Dann hat er drauf gesagt: ‚Ja, ich helf’, aber vor Weihnachten wird er wahrscheinlich nicht mehr kommen, weil die Zeit zu kurz ist.‘ Und wer nicht gekommen ist auf Weihnachten, das war mein Mann. Und ich bin schon naus nach Dachau mit einem Rucksack und wollte ihn abholen, dabei ist er nicht gekommen. Da hab’ ich ihn natürlich nicht holen können. Ich bin dann aber zu dem Posten vom Lager Dachau hin und hab’ gesagt: ‚Mein Mann, der soll entlassen werden und ist jetzt nicht dabei. Kommen da heut noch welche?‘ Da hat er gesagt: ‚Nein, das ist schon abgeschlossen.‘ Ich hab’ nicht lockergelassen: ‚Er steht auf der Liste, und jetzt seien’s so gut und rufen’s nei, warum er nicht gekommen ist.‘ Das hat er dann gemacht. Der Posten kam zurück: ‚Der ist nicht auf der Liste, da kann er nicht raus, den hab’ ich nicht.‘
I: Hast du an dem Tag noch was erreichen können?
R: Nein, nicht mehr. Den andern Tag bin ich wieder in München rein zur Gestapo zum Rottenhuber. Der hat gesagt: ‚Schaun’s, dass Sie weiterkommen und gehen’s heim zu Ihrem Mann.‘ Da hab’ ich gesagt: ‚Wenn er daheim wär’, dann tät’ ich nicht dasteh’n bei Ihnen.‘ Da hab’ ich nei dürfen zu ihm, da hab’ ich’s ihm erzählt. ‚Ich hab’ ihn entlassen‘, hat er gesagt. Und dann hat er das Zimmer, wo die Entlassungspapiere geschrieben werden, angerufen, und die hat er dann so angeschimpft, da hab’ ich gehen müssen. Was er da alles gesagt hat, weiß ich nicht.
Daraufhin ist Martin dann tatsächlich entlassen worden.
R: Aber die hätten es wieder unterschlagen, sodass er nicht rausgekommen wär’.
I: Wenn du dich nicht wieder darum gekümmert hättest.
R: Ja. Da hat der Adjutant Rottenhuber zu mir gesagt: ‚Frau Grünwiedl, jetzt seien Sie einmal ganz ehrlich: Wenn ihr ans Ruder gekommen wäret, was hättet ihr mit uns getan?‘ Sag ich: ‚Das ist eine ganz einfache Sache.‘ ‚So?‘ Hat er geschaut. Sag ich: ‚Die mit uns gut waren, mit denen sind wir auch gut – und mit den anderen natürlich nicht.‘ Da hat er gesagt: ‚Sehn’s, das glaub ich Ihnen ohne Weiteres.‘ Und dann: ‚So, Sie können Ihren Mann jetzt abholen, Frau Grünwiedl.‘ Das hab’ ich natürlich gemacht. Da drüben im Raum haben die ganzen Gaffer schon gestanden, die Angestellten, und haben geschaut, was jetzt wohl für eine Duselei, eine Sensation, kommen würde – weil ich doch so rebellisch gewesen war. Dabei hat mein Mann gesagt: ‚Grüß di, Resi.‘ Und ich: ‚Grüß di, Martin.‘ Das war alles. Da sind sie abgezogen
Auf Bitten von Kameraden verfasste Martin Grünwiedl einen Bericht über seine grausigen Erfahrungen im KZ. Die Schrift wurde illegal bis ins Ausland verteilt. Als Martin erneut verhaftet wurde, glaubte man aber bei der Gestapo nicht, dass er, ein „einfacher Arbeiter“, so etwas verfasst haben könnte. Doch mit einer anderen Begründung kam er ohne Gerichtsverfahren erneut nach Dachau.
R: Nach Martins zweiter Verhaftung bin ich zu der Schwester Pia gegangen.
I: War das die berüchtigte Trägerin des NS-Blutordens?
R: Ja. Zu der bin ich nach Hause gegangen. Das war ein solches Miststück. Die hat mich erstens einmal eine volle Stunde heraußen im Treppenhaus warten lassen, dann hat sie zu ihrer Zugehfrau gerufen: ‚Ist das Kommunistenmensch noch draußen?‘ Sie hat rausgeschaut und mich gesehen. Ja. Da hab’ ich nei dürfen. Und dann hat sie geschimpft noch und noch. Ich weiß bloß noch den einen Satz: ‚Einer jeden Kommunistin würde ich das Kind vom Mutterleib reißen.‘
Also musste Resi sich etwas anderes überlegen. Der Nachfolger von Rottenhuber hieß Strohmeyer. Seine Frau war hochschwanger, wie Resi erfahren hatte. An sie wandte sie sich und drohte ihr mit der Vorstellung, was bei der Geburt alles schiefgehen könnte, wenn ihr Mann den Martin Grünwiedl ungerechterweise im KZ ließe. Frau Strohmeyer versprach, mit ihrem Mann zu sprechen – mit Erfolg.
I: Du hast deinen Mann zweimal aus dem KZ rausgebracht?
R: Ja.
I: Und erzähl doch mal, was die SS-Leute geredet haben über dich.
R: ‚Wenn alle Frauen so wären wie Sie, Frau Grünwiedl, dann hätten wir kein Konzentrationslager.‘ Da bin ich auch heute noch stolz drauf!
I: Also, du warst eine der wenigen Frauen, die so einen Mut hatten, da einfach hinzugehen und zu sagen: ‚Ich will meinen Mann wiederhaben.‘
R: Ja.
I: Du, sag mal, Resi, was hat dir denn die Kraft gegeben dazu?
R: Das weiß ich nicht. Ich hab’ gedacht: ‚Er muss raus, das ist eine Unverschämtheit.‘
I: Das ist ja unwahrscheinlich!
R: Aber es war grad so.
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