Demokratie und Unbewusstes
Unbewusstes in Familie und Gesellschaft – Einfluss auf Wertevermittlung und Erziehung Jürgen Müller-Hohagen
Vollständige Fassung eines Vortrags, der auf einer Jahrestagung der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft Familie gehalten wurde: Erfurt, 13. – 15. 9. 2017. Deren Thema war: Demokratie fällt nicht vom Himmel. Familien im demokratischen Gemeinwesen.
Hintergrund und Perspektive
Eingeladen, diesen Eröffnungsvortrag zu halten auf einer Tagung, in der Demokratie als allgemein-gesellschaftliches und gleichzeitig auf Familie bezogenes Thema im Zentrum steht, wurde jemand, dessen Profession, psychologische Beratung und Therapie, auf den einzelnen Menschen fokussiert ist, dabei allerdings die Familie und die nähere soziale Umgebung auf jeden Fall mit berücksichtigend, ebenso, zumindest in einigen Aspekten, die gesellschaftlichen Hintergründe.
Als Psychologe und Psychotherapeut greife ich hier zunächst einmal auf Subjektivität zurück: die von Klientinnen und Klienten, meine eigene und vor allem etwas von dem intersubjektiv im „Sprechzimmer“ Entwickelten. Das ist die Basis für alles, was folgt. Zugleich kann es bei diesem komplexen Thema nicht ganz ohne Rückgriffe auf theoretische Konzeptionen abgehen, explizit oder im Hintergrund. Mein leitendes Interesse ist jedenfalls, Ihnen Impulse für Ihre Arbeit zu bieten und zur Diskussion anzuregen.
Zu meinem beruflichen Hintergrund in Stichworten:
1946 geboren in Westfalen, Studium in Bonn und München, Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut, Promotion in Philosophie, Psychologie und Soziologie, psychiatrisch-psychotherapeutische Klinik von 1975 bis 1978, nicht abgeschlossene psychoanalytische Ausbildung 1976 bis 1979, im Kinderzentrum München von 1979 bis 1986 Arbeit mit behinderten Kindern und ihren Familien, sodann bis 2011 Leitung einer diakonisch getragenen Erziehungs- und Familienberatungsstelle in einem Münchener „Problemviertel“, 1999 bis 2005 Vorsitzender des Evangelischen Fachverbands für Lebensberatung in Bayern, seit etwa 1983 innerhalb der praktischen Arbeit Erforschung seelischer Nachwirkungen der NS-Zeit, zu diesem Thema seit vielen Jahren spezialisierte psychotherapeutische Privatpraxis, zahlreiche Veröffentlichungen dazu.
Ich werde in diesem Vortrag Erfahrungen aus meinen Berufsfeldern daraufhin befragen, was für Schlüsse sich aus ihnen ziehen lassen mit Blick auf das faszinierende Thema, das mir hier gestellt wurde. Da dieses sehr breit angelegt ist innerhalb des noch weiteren Rahmens dieser Tagung, muss ich Ihnen von vornherein so etwas wie einen roten Faden vorstellen. Das ist nicht einfach.
Die leitende Perspektive wird sein: Was kann ich aus der langwierigen Arbeit mit Einzelnen und Familien einbringen speziell dazu, wie Werte sich vermitteln lassen in Familie und Gesellschaft? Und dies noch vor dem Hintergrund der aktuellen Auseinandersetzungen um Demokratie?
Ich werde davon sprechen, wie Werte und ihre Vermittlung durch „Unbewusstes“ beeinträchtigt sein können. Von solchen unbewussten Faktoren werde ich drei herausgreifen, die mir in diesen Zusammenhängen individuell wie gesellschaftlich besonders wichtig erscheinen: Schuld, Parentifizierung und Ressentiments. Abschließen will ich meinen Vortrag mit einigen – ebenfalls von der Praxis inspirierten – Reflexionen zu übergeordneten Leitlinien für gelingendes Zusammenleben, also für ein im besten Sinne wertbestimmtes Miteinander.
(In-) Fragestellungen
Zunächst gilt es, einiges in Frage zu stellen. „Ein im besten Sinne wertbestimmtes Miteinander“, so hieß es eben. Klingt das nicht reichlich „ethisch“ oder idealistisch? Sind Werte denn wirklich etwas Gutes?
Was soll diese Frage? Gestellt zu Beginn der Jahrestagung eines evangelischen Verbandes und das von jemandem, der selber 25 Jahre lang eine evangelisch getragene Einrichtung geleitet hat und sechs Jahre lang als Landeskirchlicher Beauftragter für Beratung in Bayern eingesetzt war? Alles doch ganz den höheren Werten verpflichtet und dies stets gegenüber Gesellschaft und Politik vertretend!
Da lässt sich widersprechen: Solche religiös fundierten Werte haben in der Geschichte zu unzähligen Kämpfen beigetragen und tun es bis heute. Das reicht von ihrer lautstarken Proklamierung im Großen – dabei zwar oft als Rationalisierung bloßer Machtinteressen – bis zu „unbegreiflichen Grausamkeiten“ im Individuellen, bei denen ebenfalls, wenn auch zunächst unsichtbar, solche Wertorientierungen eine große Rolle spielen können.
Ausgangspunkt dieses Vortrags kann also nur die Aussage sein: Beim Thema der Werte handelt es sich schon grundsätzlich um ein ausgesprochen konfliktbeladenes Feld.
Lassen Sie mich noch eine Infragestellung wagen:
Als ich kürzlich im Radio den folgenden Ausspruch hörte, war ich spontan fasziniert:
„Gute Schwächen sind besser als schlechte Stärken.“
Die Worte stammen von dem französischen Chansonier Charles Aznavour.
Gut und schlecht, Schwächen und Stärken – da sind wir mitten im Thema der Werte. Und zugleich, dank dieser wunderbaren Ironie, in der Frage: Wer unterscheidet das jeweils und nach welchen Kriterien? Was mir persönlich vielleicht als gut oder als Stärke erscheint, mag mein Gegenüber ebenso subjektiv ablehnen. Werte, Stärken, Schwächen, das sind nun einmal sehr kontrovers betrachtbare und damit konfliktträchtige Themen.
Bezogen auf Familie: Kinder, deren Eltern eigene Schwächen nicht zugeben können, haben es schwer, oft für ihr ganzes Leben. Und Erwachsene, deren Äußeres sich nicht nur ordentlich und sauber darstellt, sondern in einer eigenartigen Weise „rein“, lassen jedenfalls mich unwillkürlich nach dem fragen, was damit verborgen werden soll – „Stärke der Reinheit“ als Mittel des Wegmachens von Dunklem, des Vertuschens von „Schwächen“? Schon sind wir beim Thema des Unbewussten bzw. des unbewusst Gemachten.
Oder zum Politischen. Hier gibt es zahlreiche Beispiele, um die Bedeutung dieses Satzes „Gute Schwächen sind besser als schlechte Stärken“ zu illuminieren. So hat die weltberühmte Stärke deutscher Bürokratie während des NS-Reichs wesentlich dazu beigetragen, dass Millionen Regimegegner, Juden, Sinti, Roma ihr Leben verloren. In Italien dagegen war die ebenfalls bekannte Schwäche der dortigen Bürokratie ein entscheidender Grund für das Überleben unzählig vieler Verfolgter.
Gute Schwächen und schlechte Stärken, was für ein Thema!
Werte, hochgestellte Ziele
Die soeben schon angeleuchtete Konfliktträchtigkeit unserer Wertebezüge durchzieht unser gesamtes Leben in Familie, Gruppen, Gesellschaft. Ohne dessen im Allgemeinen gewahr zu sein, betrachten wir die Welt in einem für uns ganz selbstverständlichen, von daher halb- oder gänzlich unbewussten Modus nach dem Schema: Werte-geleitet bin ich, sind wir als diese oder jene besondere Gruppe – die anderen dagegen, die Widersacher handeln aus „niederen Motiven“. „Die Briten zocken“, hieß es am 26. August 2017 groß auf der Titelseite der Süddeutschen Zeitung. Werden die anderen, in diesem Fall die Briten, das ähnlich sehen? Eher wohl im Gegenteil. Und schon sind wir in den Kämpfen und im systematischen Aneinander-vorbei-Reden.[1] Polarisierungen, Projektionen, Ausgrenzungen sind oft untrennbar vermengt mit dahinter stehenden „unschuldig“ bzw. ethisch bedeutsam wirkenden Werten. Das gilt für unser alltägliches Leben und für dessen vielfältige Schwierigkeiten, wie wir sie in Beratung und Therapie mitbekommen, aber leider ähnlich im gesellschaftlichen und internationalen Bereich.
Der Werte-Begriff ist unscharf, vieldeutig, ziemlich beliebig definierbar. Von daher ziehe ich es, zumal aus psychologischer Perspektive, vor, in etwas weiterer Perspektive von „hochgestellten Zielen“ zu sprechen, individuell ebenso wie gesellschaftlich, also Werte bzw. Ziele, die von der Mehrheit der Individuen in einer Gruppe oder einer ganzen Gesellschaft geteilt werden, die damit allerdings meist immer noch partikular bleiben.
Es finden sich viele Schwierigkeiten rund um das Thema der Werte bzw. unserer hoch gestellten Ziele. Der Psychoanalytiker Léon Wurmser hat intensiv herausgearbeitet, dass es tief verborgene, d.h. unbewusste Konflikte zwischen verschiedenen Werte-Orientierungen geben kann. Solche unbewussten Konflikte gehören für ihn mit zu den entscheidenden Quellen schwerer neurotischer Störungen. Sie bilden die Grundlage für vielfältige Spaltungsvorgänge, die oftmals in der Psychoanalyse als so etwas wie die „letzten Ursachen“ angesehen werden. Stattdessen hat Wurmser festgestellt: „Die Ich- und die Identitätsspaltung sind ein Ergebnis, nicht die Ursache.“[2] Er meint damit Konflikte aus Loyalitäts-, aus Werte-Verpflichtungen, die in früheste Entwicklungszeiten zurückreichen und die von dementsprechend umfassendem, globalem, gebieterischem Charakter sind. Die Bedeutung dieser Konflikte sei nicht genügend beachtet worden, „nämlich die Einbeziehung des Über-Ich nicht nur als eine strafende Instanz, sondern als eine, die Treue und Gehorsam gegenüber einer äußeren Gestalt verlangt. Dazu kommt (…) die Verinnerlichung dieser Beziehung – dass man sich selbst, d.h. bestimmten höchst gestellten Werten und Idealen, die Treue wahren muss: Die Treuewahrung bedeutet auch hier Ehre, die Verletzung dieser Selbstloyalität tiefste Scham.“[3]
Es ist wichtig, wie Wurmser hier neben die Loyalität gegenüber den Eltern (oder auch gegenüber dem Land) die Selbst-Loyalität, die „Treue sich selbst gegenüber“[4] stellt. Oftmals ist es nämlich gerade diese Selbst-Loyalität, die in extremer Weise unterentwickelt bleibt.
Es ist also von einem Widerstreit oder sogar von verschiedenen Widerstreiten zwischen unterschiedlichen Loyalitäten, divergierenden Werte-Orientierungen schon innerhalb ein und derselben Person auszugehen.
Solche Widerstreite gibt es häufig im ganz alltäglichen Leben von Familie und Partnerschaft. Nur wird meist nicht erkannt, dass hier „im Außen“ tobende heftige Konflikte gerade etwas mit unbewusst aus dem Hintergrund wirkenden Werte-Einstellungen zu tun haben können. Ich nenne ein Beispiel, mit dem ich an der Beratungsstelle wieder und wieder zu tun hatte: Vater will den Sohn „fit fürs Leben“ wissen, fasst ihn deshalb härter an, während Mutter dem Ziel folgt, dem Kind durch „Liebe und Wärme“ einen emotionalen Boden zu vermitteln (es kann ebenso umgekehrt verteilt sein zwischen den Eltern). Dabei war stets zu sehen, wie sehr solche Entwicklungen in Polarisierungen, also immer extremere Ausformungen der beiden Seiten, führen, wenn die dahinter liegenden Ziele nicht miteinander reflektiert werden. Das kann zur Quelle für Trennungen und auch von heftiger Gewalt werden. Umgekehrt wirkt es ungemein krampflösend, wenn beide einsehen, dass die andere Person ebenfalls an relevanten Zielen orientiert ist.
Also: Werte auch als Quelle, als Hintergrund destruktiver Konflikte ansehen zu können, zugleich Einsicht zuzulassen in die Werte-Orientierung der anderen Seite, damit gewinnen wir zuvor unerreichbare Perspektiven für ein lebendiges Zusammenleben auf Augenhöhe – eine wirklich demokratische Grundhaltung im Alltag von Familie und Beruf!
Zu berücksichtigen ist hier auch, dass gerade in existenziellen Belastungssituationen die Entscheidung für die eine Zielsetzung automatisch zu großen Nachteilen auf einem anderen Gebiet führen kann, ohne dass hier jemand dafür als „Schuldiger“ verantwortlich zu machen wäre.
Das lässt sich erläutern mit einem plastischen Beispiel aus einem Gebiet, das mich seit Ende der siebziger Jahre für lange Zeit sehr beschäftigt hat: Kinder mit Behinderungen und ihre Familien. Ein Kleinkind, das in seiner Beinmotorik eingeschränkt ist, wirft immer wieder Klötzchen vom Tisch, will weiter mit ihnen hantieren, kann sie nicht vom Boden aufheben, braucht die Bezugsperson; diese hebt sie ihm hoch, und der Vorgang wiederholt sich noch und noch. Das ist gut für die Entwicklung des komplexen Auge-Hand-Zusammenspiels, aber schlecht für die Entwicklung von Selbständigkeit. Hier besteht ein grundsätzlicher Konflikt zwischen diesen beiden fundamentalen Entwicklungslinien. Es ist ein unlösbarer Konflikt für die Eltern. Was immer sie tun, in einer der beiden Hinsichten ist ihr Verhalten entwicklungshemmend.
Politische wie individuelle Entscheidungen sind oft vor dem Hintergrund widersprüchlicher, gegenläufiger Interessen zu treffen. Diese gilt es dann zu verbinden. Oder deren Nichtberücksichtigung führt oft zu großem Rechtfertigungsdruck. Widerstreitende Interessen erschweren uns immer wiederEntscheidungen – es scheint keine „ideale“ Lösung in der betreffenden Situation zu geben: Jede Wahl wird im Widerstreit mit einer oft geradezu gegensätzlichen Alternative stehen, und es gilt auszuhalten, dass es keine perfekte oder – wie im vorgenannten Beispiel – nicht einmal eine annähernd „perfekte“ Entscheidung gibt!
Ein im Zusammenhang mit der Wertethematik besonders schwieriger Punkt ist die Frage nach dem Bösen. Gute und böse Menschen oder auch Gruppen und ganze Staaten lassen sich nicht einfach danach unterscheiden, ob sie „höheren“ Zielen folgen oder nicht. Nie werde ich vergessen, wie mich Hermann Langbein, politischer Häftling und Mitorganisator des Widerstands in den KZ Dachau und Auschwitz, einer der eindrucksvollsten Menschen in meinem Leben, ermahnte: „Bezeichnen Sie Nazis, das bitte ich Sie dringend, niemals als ‚Bestien‘.“ Genau das hatte ich zuvor in einem Vortrag getan, zwar mit Anführungszeichen, aber dennoch. Er hatte völlig Recht. Anführungszeichen reichen nicht angesichts der unabweisbaren und teils schwer zu ertragenden Tatsache, dass Kriege, Verfolgungen, menschengemachte Desaster und erst recht die NS-Verbrechen überwiegend nicht von „irregeleiteten Verrückten“, von „ethischen Null-Existenzen“, von „Bestien“ organisiert und durchgeführt worden sind. Vielmehr handelten ansonsten „ganz normale“ Menschen, also Menschen, die durchaus von Werten, unter Umständen sogar von hoch gestellten Zielen geleitet waren. Damals machten sie das insbesondere zum vermeintlichen „Wohle des deutschen Volkes“. Dieses schillernde Nebeneinander von Wertorientierung und Bösem macht den Begriff „Menschlichkeit“ so problematisch. Denn die Menschen mit den – aus unserer heutigen Perspektive – nun überdeutlich sichtbaren dunklen Seiten, diese dann so genannten „Unmenschen“, sind doch ebenso Menschen. Und meist sind auch sie, wie gesagt, auf Werte ausgerichtet, oder, um es mit Viktor Frankl auszudrücken, auch sie können nicht anders als sich auf Sinn hin zu orientieren. Und was die gesellschaftliche Ebene betrifft, so war das NS-Reich kein „Rückfall in die Steinzeit“, sondern Produkt, Träger, Nutznießer einer der weltweit führenden Zivilisationen.
Stehen wir nun völlig hoffnungslos da angesichts dieses Scherbenhaufens der Geschichte? Keine Kriterien mehr für Menschlichkeit, für wirklich menschliche Werte, für die Unterscheidung von Gutem und Bösem? Nein. Vielmehr sehe ich ein entscheidendes Unterscheidungskriterium zwischen Gutem und Bösem darin, ob Werte verabsolutiert, bestimmte Ziele aus dem Kosmos der Ziele herausisoliert und einseitig für vorrangig erklärt werden. Hier liegt der Übergang von Konflikt und Streit auf der einen und Bösem auf der anderen Seite, von Idealen zu gewaltträchtigen Ideologien. Diese nicht wirklich auflösbare inhaltliche Nähe von Bösem und Gutem ist allerdings oft schwer ertragbar. Gerade deshalb liegt für mich das „Kerngeschäft“ von Demokratie darin, immer wieder neu die Gleichgewichte zwischen den verschiedenen Werten auszutarieren.
So lange Demokratie prinzipiell gleichberechtigte Auseinandersetzungen zwischen solchen hoch gestellten Zielen zulässt und fördert, sei es in der Gesellschaft, der Arbeitswelt oder der Familie, dient sie den Belangen von uns einzelnen Menschen und schützt uns einigermaßen vor der Entwicklung von Bösem.
Demokratie ist doch die Organisationsform des öffentlichen Lebens, die zentral geprägt ist von Auseinandersetzung und Reflexion, vom Arbeiten mit Widerständen und Konflikten. Zur Demokratie gehört das Aushalten von Widersprüchen, das Leben von Widersprüchlichkeit und eine Praxis des Widersprechens, gegenüber anderen, gegenüber Autoritäten, aber durchaus auch sich selbst gegenüber. Nur so findet wirklich „demokratisches Geschehen“ statt. Und dessen Essenz weiterzugeben an die nachfolgenden Generationen, das ist doch wohl gemeint mit dem, was im Titel dieses Vortrags „Wertevermittlung“ heißt.
Das allerdings ist kein beschauliches Thema für Sonntagsreden. Auch die Auseinandersetzung mit den von Deutschland aus begangenen NS-Verbrechen gehört unaufhebbar hierher. Das ist nicht einfach, nicht für die Seite der Verfolgten, nicht für die der Verfolger. Für beide gilt, was die israelische Psychoanalytikerin Ilany Kogan vor uns hingestellt hat: „Es kann als anmaßend gelten, die unaussprechlichen Schrecken der Vergangenheit und ihre Auswirkungen auf die nächste Generation objektiv beschreiben zu wollen. Aber noch anmaßender wäre es, diese schreckliche Herausforderung nicht anzunehmen“.[5]
Unbewusste Störfaktoren für ein wertorientiertes Leben
Alle zuvor ausgedrückte Skepsis gegenüber dem „Reich der Werte“ diente nicht dem Ziel, Werte an sich zu diskreditieren, sondern sie möglichst nüchtern zu betrachten und nicht etwa zu meinen, in ihnen ohne weiteres eine Zuflucht vor den „Niederungen“ des konfliktbeladenen Alltags zu haben.
Das Thema dieses Vortrags fragt zentral danach, wieweit die Orientierung an Werten und deren Vermittlung durch Unbewusstes beeinträchtigt sein können. Wie soll nun Unbewusstes hier verstanden werden? Vor dem Hintergrund von Sigmund Freuds Entdeckungen und orientiert an langjährigen Praxiserfahrungen, sehe ich, um es kurz auszudrücken, Unbewusstes als Inbegriff von Kräften und Vorstellungen, die von Systemen, seien es Einzelne, Gruppen, Institutionen, Volk, Nation, Menschheit, aus dem Bewussten ferngehalten werden, weil sie dieses wie auch immer stören könnten. Der letztere Punkt ist dabei entscheidend: Es gab Gründe, warum das Betreffende ausgeblendet wurde, und es gab Kräfte, die das bewirkten.
Das Schwierige dabei ist nun, dass wir dieses Unbewusste nie direkt fassen können, sondern erst nachträglich etwas davon erkennen, nämlich nachdem die Sperre aufgehoben wurde und wir mit Erstaunen oder auch Erschrecken gewahr wurden, was für ungeahnte Tendenzen da in uns wirkten. Dagegen sträubt sich natürlich vieles.
Auf der individuellen Ebene ist hier das klassische Beispiel der von Freud so benannte Ödipuskomplex, in dessen Mittelpunkt das verdrängte sexuelle Begehren des männlichen Kindes zur Mutter steht. Im gesellschaftlichen Bereich haben wir an die verschiedensten Tabus zu denken. Besonders augenfällig ist an dieser Stelle immer noch die Verdrängung oder Verleugnung von Loyalitätsbindungen an die NS-Verstrickungen von Vorfahren.
Gerade hier kann die untergründige Befürchtung unter aufrecht demokratischen Bürgerinnen und Bürgern groß sein, bei Entdeckung solcher Tendenzen, etwa aufgrund von einschlägigen Freud’schen Fehlleistungen, insgesamt, sozusagen in der „eigentlichen Identität“, als „nazihaft“ dazustehen. Das wäre aber ein völlig schiefes Verständnis. Es geht auch hier nicht um ein quasi räumlich fixiertes Unbewusstes, in diesem Fall sozusagen um einen „Nazi in uns“. Vielmehr verstehe ich Unbewusstes als einen bestimmten Modus, eine Funktionsweise unter anderen im komplizierten Geflecht unseres Seelenlebens. Ich begreife also Unbewusstes rein funktional und nicht etwa als einen inhaltlich fest umrissenen Teil unseres psychischen Apparats.
In diesem Sinne muss es sich bei Unbewusstem nicht unbedingt um, quantitativ gesehen, große Faktoren handeln. Auch solche von eigentlich geringem Umfang können erhebliche Wirkungen entfalten eben gerade dadurch, dass sie der kritischen, rationalen Überprüfung entzogen sind.
Voraussetzung, um für eine Aufhebung von Unbewusstem motiviert zu sein, sind in der Regel Störungen unseres Systems. Wenn andere Mittel nichts gefruchtet haben, sind wir allmählich bereit, schließlich doch in Richtung von Unbewusstem Ausschau zu halten, dies in der Hoffnung, dass es dann vielleicht an Wirkung verlieren möge und die Störungen sich auflösen. Für den individuellen Bereich ist dies das Modell der Psychoanalyse und der an ihr orientierten Psychotherapieformen. Wir können dann während solch einer Therapie im Nachträglichen entdecken, dass der Preis für das Abschieben bestimmter Erfahrungen oder Impulse ins Unbewusste inzwischen so groß geworden war, nämlich zu jenen Störungen geführt hatte.
Gerade im Zusammenhang mit NS-Hintergründen war in meiner Arbeit immer wieder festzustellen, dass Menschen oft geradezu in den Schienen ihrer Vorfahren leben. Dies galt natürlich nicht insgesamt, aber es betraf dann lebenswichtige Bereiche wie Partnerschaft und Arbeit in einer Massivität, die doch überraschte. Es wurden in großem Wiederholungszwang unbewusst Inszenierungen hergestellt, die dem „eigentlichen Wesen“ der betreffenden Person bzw. ihren übergeordneten Zielsetzungen, ihren Wertorientierungen zuwiderliefen.
Die Auschwitz-Überlebende Hanna Mandel hat das in einem der vielen Gespräche, die wir miteinander hatten, in ähnlicher Weise benannt: „Wenn Menschen solche Schlüsselerlebnisse nicht bewusst herholen können, arbeitet es in ihnen weiter. Sie tragen es in sich, aber sie wissen nicht, was sie da tragen, sie wissen nicht, warum sie da und dort gleich zudecken. Wenn sie das also nicht hervorkommen lassen, dann sind sie eigentlich Marionetten.“
Und sie fügte hinzu, das war etwa im Jahr 2000: „Den Jüngeren hierzulande, aber auch anderswo, fehlt etwas, was insgesamt nur aufkommen kann, wenn Menschlichkeit gelebt wird: Es fehlt ihnen die Liebe, die Wärme. Sie wissen es nicht, aber die fehlen ihnen. Wärme und Liebe können sich nur dort entwickeln, wo klare Verhältnisse bestehen, wo wirklich miteinander geredet wird, ohne die Belastungen aus der Vergangenheit auszuklammern. Anders geht es nicht.“
Besonders kompliziert wird es, wenn sich nicht nur in einer einzelnen Person, sondern in ganzen Familien solche Ausblendungen entwickelt haben, dies aber von der Mehrheit, die sich „völlig gesund“ und „ganz normal“ fühlt, verleugnet wird zum Nachteil nur eines bestimmten Mitglieds. Wir sprechen bei diesen dann von Symptomträgern. Häufig sind sie Außenseiter oder gar Sündenböcke des Familiensystems.
Und schließlich ist erst recht komplex, was analog in ganzen Gesellschaften abläuft. Vorurteile gegenüber Minderheiten seien hier stellvertretend genannt.
Insgesamt betrachte ich Unbewusstes auf den verschiedenen Ebenen als einen zwar unsichtbaren, aber dennoch oder gerade deshalb sehr mächtigen Wirkfaktor. Das „Nichtsichtbare und schwer Benennbare“ kann es auch schon in kleiner Dosis gefährlich machen, weil es dann rationaler Erwägung und Ansprache wenig zugänglich ist, „irrationale“ Wirkungen entfalten und der Gesamtzusammenhang dadurch grundlegend beschädigt werden kann. Vieles, was als „unlösbar“ erscheint, dürfte mit solchen im Hintergrund ablaufenden unbewussten Vorgängen zu tun haben.
Im Folgenden gebe ich unter den Themen von Schuld, Parentifizierung und Ressentiments auf Punkte ein, deren unbewusste Anteile nach meinen Erfahrungen aus Beratungen und Psychotherapie sich als besonders wirksame Störfaktoren für wirklich wertbestimmtes Leben herauskristallisiert haben und die auch auf gesellschaftlicher Ebene von großer Bedeutung sind..
Schuld
Beim Thema Schuld sind – sowohl bezogen auf das Individuum als auch auf Gruppen bzw. die Gesellschaft insgesamt – im Alltag starke Vermeidungstendenzen zu beobachten. Unabhängig vom Bildungsniveau liegt hierzu ein eher geringes Reflexionsniveau vor – sobald wir persönlich involviert sind. Philosophische, theologische, juristische oder psychologische Klarstellungen haben oft nicht wirklich gefruchtet. Vieles am Umgang mit dem Schuldthema, das doch so viel mit unseren Wertebezügen zu tun hat, spielt sich dabei eher im Unbewussten ab.
Es wird nicht unterschieden zwischen Schuld und bloßer Fehlerhaftigkeit, zwischen Schuld und Scham, ebenso wenig oft zwischen Schuld und Schuldgefühl, Scham und Schamgefühl. Und: Statt derer, die tatsächlich schuldig geworden sind oder Grund für Scham hätten, fühlen ganz andere sich schuldig oder schämen sich. Noch mehr Durcheinander: Letztere sprechen oft gar nicht von Schuld oder Scham, sondern fühlen sich „einfach schlecht“.
Bekannt ist, dass Überlebende der NS-Verfolgung häufig unter einer Überlebensschuld gelitten haben. Auf der anderen Seite verfügen Täter oft über einen sehr guten Schlaf.
„Und woran sind die Mütter schuld? Perspektiven aus der psychotherapeutischen Arbeit mit behinderten Kindern und ihren Familien“, so lautete 1998 der Titel meines letzten Vortrags zu einem Spezialthema, das mich bis dahin fast zwanzig Jahre lang beschäftigt hatte: Psychotherapie im Zusammenhang mit Behinderungen. Dabei war ich immer wieder auf ein erschreckendes Maß an Sich-schuldig-Fühlen bei den Eltern, insbesondere den Müttern gestoßen. Das waren meist Schuldgefühle, die nichts mit realer Schuld zu tun hatten. Deshalb dieser Titel: „Und woran sind die Mütter schuld?“ Rationale Erklärungen zur Unterscheidung, die ich zu geben pflegte, von echter Schuld gegenüber Fahrlässigkeit, Fehlerhaftigkeit, Nicht-Perfektheit und schlichtweg schicksalhaften Einwirkungen – das alles war immer wieder nur von geringer Wirkung, war ein Kratzen an der Oberfläche. Freundschaften, ganze Familien, Partnerschaften zerbrachen unter der Wucht dieser gleichzeitig so schwer zu greifenden „Schuld“-Thematik.
Noch ein wichtiger Punkt aus der Praxis: Bei Konflikten in Partnerschaft und Ehe bin ich während der Arbeit an der Beratungsstelle wieder und wieder einem geradezu verzweifelten Bemühen begegnet, nicht eines Verschuldens „überführt“ zu werden. Schuld sein soll bitte der / die andere. Mit eigener Schuldhaftigkeit umzugehen und sei es auch nur im Sinne von „schuldlos schuldig“ aus der griechischen Tragödie, dafür fehlt meist das Sensorium.
Wesentliche Gründe für all diese eigenartigen Schwierigkeiten rund um das Schuld-Thema liegen natürlich in der gigantischen NS-Schuld, die immer noch wie ein Bann wirkt. Sodann ist eine mittlerweile festzustellende Überfrachtung des subjektiven Bereichs durch gesellschaftlich verbreitete Individualisierung und übermäßige Psychologisierung zu erwähnen. Dadurch fühlen wir uns in schwierigen Lebenssituationen wie zum Beispiel Arbeitslosigkeit einseitig persönlich „schuld“ und nehmen nicht deren überindividuelle, gesellschaftliche Bedingungsfaktoren wahr. Ein derartiges Ausufern dessen, woran wir als Einzelne vermeintlich „schuld“ sind, führt zu einer Abwehr allgemein gegenüber der Schuldthematik. Und auf der anderen Seite lassen verbreitete ethische Indifferenz, postmodernes „anything goes“ Fragen nach Schuld „alt“ aussehen. Ist also die Frage nach der Schuld eine altmodische?
Schuld ist unvermeidbar und eine lebendige Auseinandersetzung damit außerordentlich wichtig. Mit Blick gerade auf die Art des Umgangs mit Schuld möchte ich hier eine Brücke zu biblischen Hintergründen schlagen.
Thomas Beelitz, Krankenhausseelsorger in Berlin, mit dem ich auf der Grundlage unserer Beschäftigung mit Nachwirkungen der NS-Zeit befreundet bin, gab mir vor ein paar Jahren einen Hinweis auf Ausführungen von Andreas Schmidt, die im Zusammenhang mit dem Schuldthema außerordentlich wichtig sind.[6] Es geht um Exodus 20, 5f und 34, 6f.
Bei Schmidt heißt es: „Joseph Scharbert, ein Theologe in der Übersetzungskommission der Einheitsübersetzung, bemerkte, dass wenige Verse so falsch übersetzt worden (seien) wie dieser.“
Dort steht in der Luther-Bibel, Ausgabe 1990, ebenso aber auch in der von 2017, zu lesen: „Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten“ (Vers 5).
Oder mit den Worten der Einheitsübersetzung: „Bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation“. Ebenso findet es sich in großer Übereinstimmung zwischen den verschiedenen Bibelausgaben bei Vers 34, 7. Die Missetaten würden demnach von Gott verfolgt bis zu den Enkeln und Urenkeln.
So haben wir es im Kopf. Dagegen scheint dann nur ein Neues Testament zu helfen, das als Buch der Liebe einem solchen Verfolgtwerden wenigstens noch die Hoffnung der göttlichen und vielleicht auch noch der menschlichen Vergebung entgegenstellen würde. Konsequenterweise finden sich in unseren christlich geprägten Kontexten immer wieder die unmöglichsten Ansinnen, die an Geschädigte und auch noch an ihre Nachkommen gerichtet werden, sie möchten „Vergebung“ gewähren.
Diesem Verständnis von über die Generationen weitergegebener Schuld stellt Andreas Schmidt, sich auf kritische Übersetzungen beziehend, folgende Formulierung entgegen:
„Denn ICH, dein Gott, bin ein eifernder Gottherr, schaue prüfend nach, was aus den Verfehlungen der Väter geworden ist bei ihren Söhnen, in der dritten und vierten Generation, bei denen, die mich hassen, und übe Treue bis in die tausendste Generation bei denen, die mich lieben und meine Gebote wahren.“
Also: Nicht heimsuchen, sondern nachschauen, aufsuchen!
Das ist ein diametral anderes Verständnis über das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen und eröffnet uns entscheidend andere Perspektiven in Bezug auf das Schuldthema, und dies gerade für den Umgang miteinander, für unser Leben in Beziehung mit den anderen Menschen und mit dem Anderen.
Andreas Schmidts Formulierung kommt mir noch klarer vor als diejenige der Bibel in gerechter Sprache, wo es heißt: „Ich gehe der Schuld der Vorfahren an ihren Kindern nach und noch an deren Kindern und Enkelkindern, wenn sie mich ablehnen.“
Ich habe in der psychologischen Arbeit so viele furchtbare Auswüchse dieses abwegigen Schuldverständnisses erlebt, dass ich die Gelegenheit, hier vor einem kirchlich getragenen Publikum zu sprechen, dafür nutze: Tun Sie bitte das Ihre, diese fatale Fehlsicht oder auch Blindheit überwinden zu helfen, und dies gerade im Dienste daran, uns mit tatsächlichem Schuldigsein auseinanderzusetzen.
Die fundamentale Bedeutung des Schuldthemas wird im Folgenden auch bei meinen Ausführungen zu Parentifizierung und anschließend zu Ressentiments deutlich.
Parentifizierung, Schuld, Lüge
Sich mit tatsächlichem Schuldigsein auseinanderzusetzen kann ebenfalls sehr wirksam verhindert werden durch etwas, das in der Psychologie als Parentifizierung bezeichnet wird. Sie ist ein weiterer zentraler Punkt aus meiner beruflichen Arbeit, bei dem vieles unbewusst abläuft und von dem aus es sehr problematische Bezüge zum Bereich der Werte bzw. leitender Ziele gibt. Dieses Thema taucht immer wieder auf in Beratungen und Therapien.
Parentifizierung heißt, dass Kinder sozusagen in die Schuhe ihrer Eltern schlüpfen, dies aber nicht als ein nur zeitweiliges und lustiges Spiel, sondern als Dauerzustand. Das geschieht nicht freiwillig, sondern wird ihnen aufgedrückt. Sie fühlen sich verantwortlich auf existenziell wichtigen Gebieten, verantwortlich sozusagen als „Eltern“ für die Eltern, bewusst oder meist unbewusst deren gravierende Defizite wahrnehmend. Sie versuchen diese auszugleichen, um für die ganze Familie das Weiterleben und damit für sich selber eine einigermaßen verlässliche Grundlage zu sichern. Dabei erfüllen sie unbewusst erteilte Aufträge der Erwachsenen.
Für das Kind hat dies, jedenfalls bei massiver Ausprägung, die über lange Zeit angehalten hat, fatale Folgen, die häufig das ganze weitere Leben verdunkeln. Die Aufgabe war objektiv unmöglich zu erfüllen, doch das konnte es beim damaligen Entwicklungsstand nicht erkennen. So kam es dann in seiner inneren Not zwangsläufig zu dem Schluss, der dann oft lebenslang anhält: „Ich bin eben so daneben.“ „Ich bringe es einfach nicht.“ „Ich bin ein Versager auf der ganzen Linie.“ „Ich bin so komisch drauf.“ Solche umgangssprachlich formulierten „Selbstdiagnosen“ sind für mich zu Stichworten geworden, um an zugespitzte Parentifizierung zu denken, die weit über das hinausgeht, was zu einer einigermaßen gelingenden Entwicklung gehört.
Parentifizierung bin ich besonders intensiv im Zusammenhang mit NS-Hintergründen begegnet. Dabei betone ich, dass es entscheidende Unterschiede – gerade in ethischer, in wertorientierter Richtung – zwischen Parentifizierungen in Familien von Verfolgten und von Verfolgern gibt. In letzteren fand ich immer wieder eine für die Kinder völlig verwirrende Verkehrung von Tätern bzw. Tatbeteiligten zu vermeintlichen „Opfern“. Einsicht in eigene Schuldbeteiligung wurde abgewehrt und stattdessen den Kindern transgenerational tiefes Schuldgefühl implantiert. Das Dumpfe der inneren kindlichen Zustände in einer solchen Welt der Parentifizierung (etwa im Schwanken zwischen Größenvorstellungen und tiefen Selbstwertzweifeln) wurde dann oft noch zusätzlich kontaminiert durch eine Welt der Lüge, durch eine „strukturelle Lügenhaftigkeit“.[7] Der grundlegende Wertebezug ist hier zutiefst gestört. Darin liegt hier der fundamentale Unterschied auch zu Parentifizierungen aufgrund etwa von Schicksalsschlägen wie dem frühen Tod eines Elternteils.
Kinder haben ein existenzielles Bedürfnis nach Wahrheit und nach Wahrhaftigkeit. Sie sind darauf angewiesen, um einigermaßen in Ruhe wachsen zu können. Die ethische und die spirituelle Dimension sind durch „strukturelle Lügenhaftigkeit“ tief beschädigt. Dadurch entstehen bei ihnen belastende Folgen für ihr persönliches, individuelles Leben, mit Wirkungen oft auch noch weit in die Gesellschaft hinein.
So kann die mit Parentifizierungen (wie auch bei anderen seelischen Abwehrformationen) einhergehende Starrheit zu einem nicht nur „unermüdlichen“, sondern über jedes Maß hinausgehenden Engagement „für die gute Sache“ führen – und bei anderen aus denselben Gründen, nur mit umgekehrter Schlussfolgerung, zu einer völligen Ablehnung etwa jedes Einsatzes für andere. Dann bekämpfen womöglich beide Seiten sich erbittert, ohne zu ahnen, wie nah sie sich hinsichtlich ihrer Hintergründe sind. Mir scheint, das ist auf einer untergründigen Ebene ein Riesenthema in der sozialen Arbeit und ein großer Konfliktherd in der Auseinandersetzung um die Weiterentwicklung unserer Demokratie.
Ressentiments und ihr Zusammenhang mit Werten und Unbewusstem
Bei Ressentiments handelt es sich nach Wurmser um innersubjektive Dramen, die oft in großer Heftigkeit auftreten, also mit lodernden Affekten und heißen Emotionen. Statt „Ich habe (dies oder jenes) konkret erlebt“ heißt der Kernsatz „Mir ist Unrecht geschehen“. Alles dreht sich um die betreffende Person. Aber beachten Sie zugleich den Wertebezug: „Mir ist Unrecht geschehen.“
Aus diesem Zentrum der seelischen Erregung richtet sich der Zorn nach außen gegen eine (vermeintliche) Ungerechtigkeit. Ob die Adressierten allerdings die tatsächlichen Verursacher sind, steht ohne Überprüfung da. Vielmehr finden häufig Verschiebungen auf Sündenböcke statt. Insofern überschneidet sich das eigene innere Ressentiment mit dem Vorurteil über die andere Person, die Gruppe im Außen; sie arbeiten beide Hand in Hand. Das Ressentiment wuchert in den Untergründen, im Unbewussten, die Vorurteile sind inhaltliche Ummantelung, dienen als Sprachrohr.
Was verleiht Ressentiments ihre teils enorme und erschreckende Durchschlagskraft? Kann es wirklich das bewusste Erleben sein, aktuell Unrecht zu erleiden bzw. erlitten zu haben? Nein, meist liegen die eigentlichen Gründe für die Ressentiments weit zurück in einer schwierigen Vergangenheit und sind tief in Unbewusstes verlagert. Oft drehen sie sich um bohrende, aber entsprechend abgewehrte Themen von Schuld, Versagen, Wertlosigkeit. Ebenso haben sie zu tun mit nicht aushaltbaren und deshalb in die Untergründe verschobenen Gefühlen, übermächtigen Kräften ohnmächtig ausgeliefert (gewesen) zu sein, deshalb „eigentlich nichts wert zu sein“. Erlebnisse von Ohnmacht, von Ausgeliefertsein sind ein ganz zentrales Feld in der individuellen Psychologie. Sie führen, wenn sie nicht bearbeitet werden können, entweder in Richtung von Selbstaufgabe, Selbstschädigung und Depression, oder sie mobilisieren umgekehrt ein enormes Aggressionspotenzial.
Hier also stellt sich in den psychischen Untergründen oft ein fataler Zusammenhang her zwischen verquerem Schuldverständnis, Parentifizierung mit all den hierzu gehörenden dunklen Gefühlszuständen und den jeweiligen Ressentiments. Das bildet eine unheilvolle Trias rund um tiefe Gefühle von Ent-Wertung.
In aller Kürze benannt, sehe ich also auf der seelischen Ebene diese drei Haupthintergründe von Ressentiments:
1) ein durchdringendes Gefühl erlittenen Unrechts
2) im Unbewussten festgehaltene Erfahrungen von Ohnmacht, großem Ausgeliefertsein
3) ein schwaches Selbst-Wert-Gefühl
Zu beachten ist dabei, dass diese Hintergründe zwar sehr auf Vorgänge im frühen Lebensalter verweisen, dass aber spätere Einflüsse nicht ausgeschlossen werden dürfen. Gerade hier können gesellschaftliche Einwirkungen eine große Rolle spielen. Zu denken ist etwa an die massenhafte Entwertung von Lebensperspektiven in den neuen Bundesländern nach der Vereinigung infolge der rigorosen wirtschaftlichen Umstellungen.
Als „aufrechte Demokraten“, als „ethisch einigermaßen hochstehende Leute“ neigen wir dazu, Menschen, die wir als ressentimentgeleitet wahrnehmen, eher wenig an Werte-Orientierung zuzuschreiben. Tatsächlich kann aber das Gegenteil der Fall sein: Gerade ihr Bezug zu Werten – ggf. ihren höchst eigenen – macht sie dann so geladen und rabiat und gefährlich. Bei der realen oder vermeintlichen Verletzung dieser Werte, die für das einzelne Individuum bzw. für die mehr oder weniger große Gruppe zentrale Bedeutung haben, werden hier sehr leicht archaische und ausgesprochen zerstörerische Affekte mobilisiert. Und auch die damit verbundene massive Schwarz-Weiß-Sicht macht Ressentiments so gefährlich und zugleich so schwer erreichbar für eine Überprüfung an komplexen Wirklichkeiten.
Es ist nicht einfach, ressentimentgeleiteten Menschen gegenüber die Fassung zu wahren und sich von ihnen nicht in einen Strudel wechselseitiger und völlig fruchtloser Beschuldigungen ziehen zu lassen. Wenn wir aber bedenken, dass auch sie wahrscheinlich von Werten bestimmt sind, können wir in der Auseinandersetzung mit ihnen vielleicht etwas gelassener bleiben. Sie lauern nämlich bewusst oder unbewusst auf jede Andeutung von Ab-Wertung ihnen gegenüber, um sich dann mit aller Wucht des Ressentiments dagegen zu „wehren“ und im Ergebnis eine sachliche Auseinandersetzung zu vermeiden.
Zugleich: Auch nach eigenen Ressentiments Ausschau zu halten und das zu reflektieren, kann für Demokraten und für demokratische Gesellschaften hilfreich sein, um nicht von sich aus solche Strudel zu begünstigen.
Es macht Sinn, in Bezug auf ressentimentgeleitete Menschen über ein psychologisches Verständnis für ihre verwickelten Hintergründe zu verfügen. Hier liegt der wahrscheinlich wichtigste Beitrag unserer Disziplin an dieser individuell und gesellschaftlich neuralgischen Stelle. Zugleich darf es nicht nach dem Motto gehen: Alles verstehen heißt alles verzeihen. Ganz und gar nicht. Vielmehr darf ihnen weder im hochstrittigen Ehekrieg noch auf der politischen Bühne in der Sache, im Wesentlichen auch nur um einen Zentimeter nachgegeben werden, jedenfalls nicht auf der Ebene ihrer ressentimentgetränkten Inhalte. Etwas anderes ist es, trotz aller aufgeladenen Emotionen die Suche nach möglichen Wahrheitsgehalten hinter den inszenierten Dramen nicht von vornherein aufzugeben. Das alles sind schwierige Spagate.
Ressentiments waberten schon lange in unseren individuellen und gesellschaftlichen Untergründen. Ob sie nun aktuell zugenommen haben oder nicht, jedenfalls artikulieren sie sich seit einiger Zeit weitaus ungehemmter im öffentlichen Raum. Ich sehe in ihnen einen großen Feind demokratischer Verhältnisse – gerade weil sie die Auseinandersetzung mit ihnen so schwierig machen. Zugleich betone ich nochmals: Hinter ihnen liegen tiefe und meist unbewusste Empfindungen von Ausgeliefertsein. Hier gilt es anzusetzen. Und dazu ist ein Brückenschlag zwischen politischer und psychologischer Ebene, wie auf dieser Tagung angezielt, besonders wichtig.
Resonanz, Reziprozität, Dialog, Krise von Demokratie
Ich habe zuvor aus meinen fachlichen Erfahrungen heraus drei Punkte im Zusammenhang mit Werten und Unbewusstem näher betrachtet, nämlich Schuld, Parentifizierung und Ressentiments. Es handelt sich hier um große Problematiken, sei es auf der Ebene der Einzelnen, der Familien oder der Gesellschaft insgesamt.
Jetzt möchte ich den Fokus verändern: Zeigen sich in unserer psychologischen Arbeit vielleicht gerade an solchen schwierigen Punkten zugleich Lösungsperspektiven? Vielleicht auch solche, die über das Individuelle hinausgehen und die eventuell sogar von großer Bedeutung sind bei der Arbeit an der Fortentwicklung unserer Demokratie? Deren Krise als Chance, bisher verborgene „Heilkräfte“ in der Gesellschaft stärker wahrzunehmen?
In meinen letzten Jahren an der Beratungsstelle, also bis 2011, bemerkte ich zunehmend, dass wir in Beratungen und Therapien angesichts von zunächst schwer in Worte zu fassenden Beschwerden an diesen Punkt gelangten: „Resonanz“ war im Leben vermisst worden, also Widerhall beim anderen, gemeinsames Schwingen, sich aufeinander Einstellen. „Ja, genau das hat bei uns gefehlt, hat mir gefehlt, aber es hat sich nie benennen lassen.“ Das ist ein Riesenthema. Wenn wir schon als Baby Resonanz spüren für unsere schreiende Not, dann beruhigt es sich in uns, dann wächst Vertrauen, Vertrauen in die äußere Welt und damit gerade auch in die sich entwickelnde innere Landschaft. Wenn sie aber über ein bestimmtes Maß hinaus fehlt, dann gräbt sich etwas ein in unser Leben, etwas schwer Fassbares, aber Wirkungsvolles.
Wir können hier auch von fehlendem Dialog sprechen. Dies ist ein Thema, das mich speziell in Bezug auf seelische Auswirkungen der NS-Zeit seit Langem intensiv beschäftigt hat. Darin fühle ich mich dem Zürcher Kinderpsychiater Heinz Stefan Herzka verbunden, der auf der Grundlage von Martin Buber dialogische Prinzipien ins Zentrum seiner Betrachtungsweise gestellt hat. So zitiere ich etwa, wie er sich über Identität geäußert hat, also das, was gemeinhin vor allem als Kern dessen verstanden wird, worin ich mich von anderen unterscheide, worin ich „ganz ich“ zu sein vermeine. Stattdessen lesen wir bei Herzka:
„Identität ist in dialogischer Sicht ein permanenter Prozess zwischen einander widersprechenden, sich gegenseitig ausschließenden und gleichzeitig einander vervollständigenden Bereichen. Dieses dialogische Denken, eine der wichtigsten Denkströmungen des zwanzigsten Jahrhunderts, bietet eine definierte Möglichkeit der Einbeziehung des jeweils Anderen sowie der Berücksichtigung von Differenzen und Widersprüchen in Wissenschaft und Praxis.“[8]
„Einbeziehung des jeweils Anderen“, von solchem dialogischen Denken und Wahrnehmen, solcher Resonanz oder Reziprozität, Wechselseitigkeit, fehlt viel in unserer hochstrukturierten Welt. Das ist wohl ein wesentlicher Teil dessen, was zurzeit als Krise von Demokratien erscheint – das Gefühl vieler: „Wir werden nicht gesehen!“
Natürlich können Politiker, an die dieser Ruf sich besonders richtet, nicht aus ihrem Hamsterrad heraus jeder Bürgerin, jedem Bürger tief in die Augen schauen, sich für jedes einzelne Anliegen einsetzen. Aber was dann? Was lässt sich hier aus der Froschperspektive des Psychologen beitragen?
Das sehe ich gerade bei diesem Thema von Resonanz und Dialog. Dessen soeben beschriebenes, sich allmählich artikulierendes Auftauchen aus dem Bereich von etwas Unfassbarem, etwas individuell und gesellschaftlich eher Unbewusstem nehme ich von psychologischer Seite als gewichtiges Zeichen dafür, dass sich hier etwas rührt, individuell und gesellschaftlich, etwas, das an die Oberfläche drängt. In diesem zunächst so irrational, so selbstbezogen erscheinenden „Ich möchte endlich gesehen werden“ vermute ich einen tiefen aktuellen Sinn. Nur sucht er sich bisher, ebenfalls individuell wie gesellschaftlich, allenfalls zaghaft bzw. häufig in verzerrter, ressentimentgeladener und damit schwer entschlüsselbarer Form zu artikulieren.
Wenn ich im ersten Teil dieses Vortrags Unbewusstes unter dem Störungsaspekt betrachtet hatte, also als Ausdruck von Kräften, die eine lebendige Weiterentwicklung hemmen, so taucht jetzt etwas anderes auf: unentdeckte Tendenzen in unseren individuellen wie gesellschaftlichen Untergründen, die im Gegenteil dafür förderlich sein könnten – wenn wir nur den Mut und die Unterstützung haben, um es zuzulassen.
Vermittlung von Werten in Familie und Erziehung
Was die Werte-Vermittlung in der Erziehung betrifft, so kann ich auf unendlich viele praktische Erfahrungen verweisen, die allesamt besagen: Kinder, gerade kleine Kinder orientieren sich nicht nur am äußeren Verhalten ihrer menschlichen Umgebung, sondern wesentlich auch an den dahinter befindlichen Grundtendenzen, nennen wir sie nun Werte, Ziele oder Haltungen. Diese sind auch im Kindesalter deutlich spürbar: Kinder nehmen in äußerster Subtilität – meist für sie mit Worten schwer benennbar – mögliche Divergenzen wahr zwischen diesen Hintergründen und dem offen gezeigten Verhalten. Kinder haben ein außerordentliches Rezeptorium für fundamentale Ethik, die bei ihnen ganz und gar „ursprünglich“ bereits vorhanden ist, ohne dass explizit diesbezüglich erzogen wurde.[9] Entwicklungsbedingt können sie aber solche Unterschiedlichkeiten nicht aus einem ausreichenden Abstand heraus als solche begreifen. Das wird unter Umständen zur Quelle schwieriger Entwicklungslinien.
Und dieses feine Wahrnehmen auf Seiten der Kinder richtet sich dabei auch auf die traumatischen Erfahrungen der Eltern aus ihrem Leben. Ebenso können hier transgenerationale Zusammenhänge verschiedener Art von größter Bedeutung sein. Speziell in meiner ausgedehnten Tätigkeit als Krippenpsychologe innerhalb meines Arbeitsfelds an der Erziehungsberatungsstelle wurde ich auf diese Themen wieder und wieder aufmerksam.
An dieser Stelle sehe ich eine wichtige Brücke zur Pädagogik: Ich bin der Lehre und Praxis der italienischen Ärztin und Pädagogin Maria Montessori durch eigene berufliche Bezüge verbunden und vor allem durch meine Frau, hoch erfahrene Montessori-Lehrerin, Schulleiterin und Lehrbeauftragte. Zentral für uns beide ist dabei, dass und wie Montessori vom Kind als Baumeister sprach und von den Eltern als Helfern dabei, dass sich das Kind entsprechend dem in ihm angelegten, teils tief inneren Bauplan entwickeln kann. Das ist von einer Bedeutung, die immer noch zu wenig gesehen wird. Es korrespondiert ganz stark mit dem Thema des „verborgenen Eigenen“ in uns, das aber durch äußere Unterdrückung und Nichtachtung oft in Gefahr ist, sozusagen im Unbewussten steckenzubleiben. Andererseits korrespondiert es mit dem Erziehungsziel und Ideal, ein Kind sich zu einer wirklich freien, der tiefen Individualität entsprechenden Persönlichkeit hin entwickeln zu lassen, das in dieser Welt von seinem Wesenskern heraus sicher agieren kann – also als wirklich mündiger Mensch in unserer demokratischen Gesellschaft.
Und es hat ganz viel damit zu tun, wie unser Verhältnis zu den anderen Menschen gelebt wird. Dazu gehört zentral, wie wir sie als Andere, als von uns Unterschiedene wahrnehmen können. Montessori legte deshalb größten Wert auf das Beobachten des Kindes im Geiste klarer und gerade dadurch wirklich zugewandter Distanz. In ähnlicher Weise findet sich dieses Thema des Anderen in der Psychoanalyse wie auch in der Philosophie insbesondere eines Immanuel Lévinas, Karl-Otto Apel oder Jürgen Habermas. Was zuvor über Resonanz gesagt wurde, gehört hierher. Oder sprechen wir von Verantwortung als Ver-Antworten, so sind wir sofort bei unserem Verhältnis zu den anderen. Und denken wir nochmals an die Trias von schiefem Schuldverständnis, Parentifizierung und Ressentiments, so sehen wir diese drei als gestörte Formen unserer Beziehung zu den anderen.
Lassen Sie mich also folgendermaßen resümieren: Wertevermittlung hört sich gut an, aber unter dem heute erreichten gesellschaftlichen Entwicklungsstand nur dann, wenn sie in einer Zweibahnstraße verläuft, wenn es also die Chance gibt, dass sich auch die Erwachsenen von den Kindern etwas vermitteln lassen in Richtung Werte. Wie –Vermittlung von Werten durch Kinder? Ja. Natürlich auf ihre Weise. Gegenseitige „Erziehung“? Ja. Oder besser: dialogische Entwicklung.
Das ist eine Perspektive, die überraschen mag. Wie wichtig sie aber ist, zeigt das folgende Beispiel aus meiner therapeutischen Arbeit.
Eine Klientin schaute mich völlig erstaunt an, als ich ihr bei entsprechender Gelegenheit etwas von Parentifizierung erklärte, stutzte, sagte dann: „Immer habe ich mich schuldig gefühlt, bis heute, schuldig für alles; und alles habe ich getan für meine Eltern. Damit sie nur endlich das Schreien aufhörten. Aber es ist mir nicht gelungen. Nie.“ Das ist Parentifizierung pur, mitsamt allen Folgen für das Selbstwertgefühl: „Ich habe es nicht geschafft. Ich bin eine Versagerin auf der ganzen Linie.“
Noch etwas brachte diese Klientin überdeutlich zur Sprache anhand eines Vorfalls, den sie in aller Deutlichkeit erinnert. In ihrer Kindergartenzeit wurde sie von der Erzieherin beschuldigt, etwas gestohlen zu haben. Man rief die Mutter hinzu. „Anstatt aber, dass sie mich verteidigt hätte, was habe ich gesehen? Ein Aufleuchten in ihren Augen, eine Befriedigung, dass ich eine Diebin wäre.“ Und als dann das angeblich gestohlene Ding später bei der Erzieherin wieder auftauchte und diese sich vor dem Kind und der Mutter entschuldigte, was war deren Reaktion? „Ich habe es genau gesehen bei meiner Mutter in ihren Augen, sie war tief enttäuscht.“ Wie ist das zu erklären? Hier zeigte sich in aller Deutlichkeit das existenzielle Bedürfnis von Kindern nach Wahrhaftigkeit und auf der anderen Seite das massive Interesse von bestimmten Erwachsenen, die in Lüge verstrickt sind, dass ihre eigene Lügenhaftigkeit auf keinen Fall entdeckt wird. Stattdessen wird dann das Kind, wie es hier in der Folgezeit geschah, mit den absurdesten Beschuldigungen behaftet, es wird zum Träger von aufoktroyierter Schuld gemacht, alles auf einer unbewussten Ebene, unbewusst im Sinne von unerkennbar für das Kind, unbewusst im Sinne von weggeschoben, abgewälzt, vor sich selbst und der Welt verborgen gehalten auf Seiten der Erwachsenen. Das ist gestörtes Verhältnis zum anderen par excellence.
Es sind Erfahrungen wie diese, die mich also sagen lassen: Wertevermittlung hört sich gut an, aber nur dann, wenn sie in einer Zweibahnstraße verläuft, wenn auch den Kindern von früh an so etwas wie ein Wertebezug zugetraut wird.
Auf die Kinder hören, auch auf die in uns
Kinder sind bereits im frühen Alter ganz eigene Persönlichkeiten und, wie schon gesagt, versehen mit riesengroßen Antennen für die existenziellen Themen des Lebens. Mir scheint, das Bibelwort, an uns Erwachsene gerichtet: „Und wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder“ (Matthäus 18; 3) hat entscheidend hiermit zu tun. Oder hören wir noch genauer hin: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in Gottes gerechte Welt hineingelangen“ (Bibel in gerechter Sprache). „Gottes gerechte Welt“, der Inbegriff einer Welt der Werte, wird mit den Kindern verbunden. Das bewegt mich sehr, gerade auch vor dem Hintergrund von Erfahrungen, wie Menschen schon als kleines Kind wahrgenommen haben, dass sie Wahrheit gegen die Lügenhaftigkeit der Umgebung zu verteidigen hatten – und das mit ihren völlig unzureichenden Mitteln.
In diesem Zusammenhang kommt mir immer wieder die Geschichte von Esaus verkauftem Erstgeburtsrecht in den Sinn. Steckt darin nicht auch, dass wir den uns von Geburt an mitgegebenen Bezug zu einer ganz existenziellen Welt der Werte immer wieder für den schnellen Vorteil des Augenblicks aufgegeben haben?
Damit diese innere Welt nicht im Unbewussten fixiert bleibt, braucht es eine fördernde Umgebung. Hören wir hier auf diese Worte von Maria Montessori: „Immer muss die Haltung des Lehrers die der Liebe bleiben. Dem Kind gehört der erste Platz, und der Lehrer folgt ihm und unterstützt es. Er muss auf seine eigene Aktivität zugunsten des Kindes verzichten. Er muss passiv werden, damit das Kind aktiv werden kann.“[10]
Hier werden also nicht nur Ansprüche für die Anwendung pädagogischer Methoden gestellt. Vielmehr geht es um die menschliche Haltung insgesamt. Und es wird nichts Geringeres gefordert als Liebe. Und eine Liebe soll das sein, die sich selbst zurückstellt zugunsten des Kindes, die hilfreiche Distanz hält.
Liebe: „Als ich noch im Bauch meiner Mutter war, habe ich gelernt, dass der Lebensweg besser liebend als hassend zurückgelegt wird.“[11] Welcher „Verrückte“ kann denn so etwas behauptet haben? Schon im Mutterleib eine Entscheidung? Und dann noch eine so fundamentale? Das war Marc Chagall. Die Sätze finden sich in der Einleitung zur großen Chagall-Bibel. Geheimnisvoll verborgenes Eigenes. Von Liebe ist die Rede – ganz basal. Oder nennen wir es Verbundenheit. Jedenfalls fern noch aller formulierbaren Werte. Wohl aber Grundlage für alles, was kommt.
Ich sehe hier zusätzlich zu dem bisher skizzierten Unbewussten eine Form von ethikbezogenem Unbewusstem, das ganz fundamental ist, noch vor allen Konzepten, und hinsichtlich dessen Kinder uns Erwachsenen Wegweiser sein können. Oder auch: das Kind in uns Erwachsenen. In diesem Unbewussten sind Liebe, Verbundenheit, Wahrheit zentral. Zugleich, denken wir an Montessoris Worte, brauchen uns die Kinder dafür als haltende Umgebung.
Blicken wir nun in Richtung Gesellschaft und denken beim Thema Werte an die großen Ziele der Französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, so sieht es danach aus, dass noch viel Entwicklungsbedarf besteht hinsichtlich ökonomischer Verteilung, Gleichrangigkeit in gesellschaftlicher Teilhabe, zwischen Männern und Frauen wie auch in Richtung Solidarität, dies trotz ganz, ganz vieler Aktivitäten im Einzelnen. Die fundamentalen Logiken in unserer Gesellschaft, damit auch in Familie und Erziehungswesen, gehen zurzeit noch vor allem in Richtung Konkurrenz und damit von Vereinzelung, sie betonen mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten – mit allen Folgen für Wertevermittlung und Erziehung. Doch wie ich unter dem Thema Resonanz zu zeigen versuchte, scheint da einiges in Bewegung zu sein, individuell und gesellschaftlich, nämlich hin zu mehr Miteinander.
Meine Frau und ich haben 2015 ein Buch Wagnis Solidarität veröffentlicht über ehemalige Häftlinge des KZ Dachau, die wir noch persönlich kennenlernen konnten, und haben die von ihnen gelebte Solidarität in den Mittelpunkt gestellt.[12] Wir hatten dazu auch ein Gespräch mit dem Pfarrer und dem Diakon der Evangelischen Versöhnungskirche auf dem Gelände der Gedenkstätte. Von beiden kamen Hinweise, die gerade heute für uns von entscheidender Bedeutung sein können in unserem Herumsuchen nach neuen, adäquateren Weisen des Miteinander. Sie sprachen von bewegenden Beispielen einer Grenzen überschreitenden Solidarität damals zwischen Häftlingen, also Solidarität nicht nur unter Kommunisten für sich, unter Christen für sich usw., sondern von den einen hin zu den anderen. Das war zu damaligen Zeiten und dann noch unter dem SS-Terror etwas Unerhörtes, wie ein Wunder. Und heute? Ich meine, das mit der Grenzen überschreitenden Solidarität steht wie ein Zeichen an der Wand und hat in Zeiten der Flucht so vieler Menschen eine immer offensichtlichere Bedeutung.
Brüderlichkeit, Liebe, Nächstenliebe, Solidarität, Miteinander – zurzeit erleben wir dazu heftige Verunsicherungen und Polarisierungen, am augenfälligsten auf gesellschaftlicher wie individueller Ebene zwischen Willkommenskultur und Abschottungsbestrebungen gegenüber dem Elend der Welt; aber auch im ganz alltäglichen Aufeinandertreffen in Familie, Schule, Arbeitswelt, Öffentlichkeit.
Da stehen die Worte der modernen Wissenschaftlerin und Prophetin Maria Montessori, des modernen Künstlers und Propheten Marc Chagall vor uns. Sollte es denn nicht möglich sein, in wirklich kühner, aber zugleich realistischer Weise, nicht so kleinmütig und kleinteilig wie zurzeit noch, vielmehr vergleichbar mit Willy Brandts Entspannungspolitik, die weltweiten Ungleichheiten anzugehen und eine Welt zu bauen, zu deren grundlegenden Richtschnuren Gleichrangigkeit, Solidarität, Nächstenliebe, Brüderlichkeit, Schwesterlichkeit, Geschwisterlichkeit gehören? Als Matrix unseres Miteinanders. So viele Menschen sind längst auf diesem Weg, dabei aber vielfach in der Situation, sich quasi parentifiziert im Kleinen daran abzuarbeiten, woran es im Großen noch fehlt.
Zugleich aber mit Blick auf den unendlichen Missbrauch dieser Gemeinschaftswerte in Geschichte und Gegenwart haben wir auch zu bedenken: Nur wenn es dabei gelingt, die abstrakten, überrationalisierten, oftmals manipulierenden Gesellschaftsmechanismen mehr als zurzeit noch unter Kontrolle zu bringen und den individuellen, den lebenden Menschen konsequenter ins Zentrum allen Bemühens zu stellen, können wir mit Zuversicht in die Zukunft unserer demokratischen Verhältnisse schauen, in den Familien wie in der Gesellschaft.
Anhänge
Um trotz der Komplexität des Themas die Argumentationslinien überschaubar zu halten, mussten einige wichtige Punkte ausgegliedert werden. Sie finden sich in den folgenden Anhängen.
Anhang 1
Wertevermittlung auf der Höhe der Zeit
Ein weiteres Fazit aus all dem Gesagten und dem, was für mich dahinter steht, lautet so:
Auf der Basis einer trotz mancher Mängel doch außerordentlich bewegenden Demokratisierung in unserem Land, gesellschaftlich wie individuell und in den Familien, geht es mittlerweile entscheidend nicht mehr darum, bestimmte konkrete Werte, nur weil sie „unsere“ sind, anderen gegenüber für überlegen zu halten. Worauf es vielmehr ankommt, ist, selbstbewusster auch Widerstreite von Werten zu leben, und zwar gemeinsam, auch mit denen, die uns zunächst fremd sind und/oder die wir nicht mögen. Das sehe ich nicht als idealistischen Appell, sondern es ergibt sich aus unserer Realität von demokratischen Verhältnissen und von Anforderungen aus der Globalisierung. Die Flüchtlinge seien dabei nicht vergessen, aber auch nicht in den Mittelpunkt gestellt. Statt deren einseitige „Integration in unsere Wertegemeinschaft“ sehe ich stattdessen als aktuelles Ziel eine „Contegration“, also sich aufeinander zu bewegende Veränderungen auf allen Seiten.[13]
Aber was wäre dann, so kommt schnell die ängstliche Frage, die „oberste Leitlinie“ über all dem Durcheinander? Ein „Wert über den Werten“? Also jetzt Geschwisterlichkeit, Nächstenliebe über alles? Nein, es entspricht doch viel mehr den Potenzialen unserer Gegenwart, auf immer neues Ausbalancieren zwischen verschiedenen Wertsystemen zu setzen. Wenn wir dabei an das Dreigestirn von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit denken, ist deutlich genug, wie viel da noch in Richtung Gleichrangigkeit und insbesondere Solidarität zu entwickeln ist, aber im Einklang mit unserer so schmerzvoll errungenen Freiheit. In offenen, demokratisch getragenen Prozessen, in der Gesellschaft wie in den Familien, heißt Wertevermittlung dann, kommunikative Räume weiterhin auszubauen und zu sichern, in denen solche Gleichgewichte, gemeinsam mit unseren Kindern und den Jugendlichen, immer wieder neu austariert werden.
Anhang 2
Zur Entdeckung von Unbewusstem – ein persönliches Beispiel
1982 zogen wir als Folge der Kündigung unserer Wohnung in München nach Dachau. Dieser nur räumlich kleine Umzug über 18 Kilometer führte dazu, dass wir uns wesentlich intensiver als zuvor mit der NS-Geschichte befassten. So saßen meine Frau und ich dann Anfang 1983 für einen Vortragsabend zum ersten Mal in der Evangelischen Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte und waren ziemlich beklommen. Mit welchen Worten die Referentin des Abends, Centa Herker-Beimler, vorgestellt wurde, wissen wir nicht mehr. Genau erinnere ich mich jedoch an unser Erstaunen, dass wir – im Gegensatz zu Menschen in der ehemaligen DDR – noch nie etwas von ihrem Mann, Hans Beimler, gehört hatten. Dieser war KPD-Reichstagsabgeordneter gewesen, ein erklärter und engagierter Gegner der Nazis. Im Frühjahr 1933 war er im gerade erst errichteten KZ Dachau schrecklich gequält worden und sollte umgebracht werden. Doch ihm gelang das Unglaubliche: Er konnte fliehen. Nun würde also seine Witwe zu uns sprechen! Sie war selber mit ihm im Widerstand gegen die Nazis gewesen.
Während der Vorstellung der Referentin schoss es mir durch den Kopf: Wie kann es heute noch einen Menschen geben, der in dieser „längst vergangenen, weit zurückliegenden“ Zeit, sogar schon vor 1933, im Widerstand gegen die Nazis gewesen war? In all der Beklommenheit und Verwirrung durch den Ort und die Thematik schoss dieser zweifelnde Gedanke hoch: Wie kann das also stimmen? Dann aber rechnete der rationale Teil in mir schnell nach: Diese schmächtige Frau, die – 50 Jahre später – auf das Rednerpult zugeht, sie mag heute 75 sein, dann war sie damals also 25 Jahre alt, das passt doch. Wieso also mein vorheriger Zweifel? Was ist mit mir nur los? Wieso habe ich die Zeit von damals so weggeschoben?
Diese Gedanken, die in nur wenigen Sekunden abliefen, entfalteten im Weiteren große Wirkung. Sie führten zunächst zu tiefen Schamgefühlen. Wie konnte mein Blick auf die Wirklichkeit nur so verzerrt sein und die fürchterliche Vergangenheit als etwas „weit Entferntes“ hinstellen? Als intensiv ausgebildeter Psychotherapeut mit viel Selbsterfahrung und Therapie hatte ich angenommen, über derart grobe Fehlleistungen hinaus zu sein. Wieso zog ich eine so große innere Grenze zwischen Damals und Heute? Wieso bedurfte es einer erheblichen rationalen Anstrengung, das zu korrigieren? Was für Schubladen bestanden da? Was für unerwartete Tendenzen im Unbewussten? Ich war erschüttert über mich selbst.
Dieses Erlebnis wurde für mich zum Beginn einer neuen, etwas ungewöhnlichen „Lehranalyse“: durch die Begegnung mit Zeugen und Zeugnissen der Vergangenheit und durch damit verbundene intensivere, konkretere Erkenntnisse darüber, wie sich die damaligen Ereignisse auf uns Nachkommen und insgesamt auf das heutige nunmehr demokratische politische Gesellschaftssystem ausgewirkt haben. Ich lernte, mich an eigener Verleugnung und Verdrängung entlang zu hangeln, und begriff, dass gerade hinter solcher Abwehr besonders heikle Punkte liegen können – sowohl individuell, als auch gesellschaftlich! Ich begann,Verantwortung für meine diesbezüglichen Blindheiten zu übernehmen.
Mit der Zeit entwickelte es sich dann, solche zunächst nur für persönlich gehaltenen Fehler auch in einem gesellschaftlichen Zusammenhang zu begreifen. In dem Maße, wie sich in meiner konkreten Beratungs- und Therapiearbeit die große Bedeutung davon zeigte, Hintergründe aus NS-Zeit und Krieg einzubeziehen, ging mir auf, dass darüber aber weder in meinem Universitätsstudium noch in der sich gesellschaftskritisch gebenden psychoanalytischen Weiterbildung auch nur das Geringste gelehrt worden war. Immer wieder, insbesondere nach meiner ersten Buchveröffentlichung 1988, begegnete ich ungläubigem Staunen einerseits und zum anderen großem Aufatmen bei Menschen vor allem von den Rändern der Gesellschaft: „Endlich sagt mal jemand, ein Fachmann, jemand aus der Mehrheit, etwas von dem, was ich immer dunkel gespürt habe, aber nicht ausdrücken konnte!“ Das geht bis heute.
Was jenen Abend und viele weitere in der Versöhnungskirche betrifft, so sind meine Frau und ich der Evangelischen Kirche in Deutschland sehr dankbar, dass sie diesen Ort geschaffen hat und als einzige Einrichtung selbst unterhält. U. a. dadurch wurden wir darauf aufmerksam, wie sehr „Geschichte in uns“[14] ein extrem wichtiges Thema für die psychologische wie für die pädagogische Arbeit ist – und für die Weiterentwicklung unserer demokratischen Gesellschaft.
Anhang 3
Ein von Parentifizierung Betroffener
Herr H., Mitte vierzig, kam zu mir, weil er über Kriegsenkelforen darauf gestoßen war, dass seine persönlichen Schwierigkeiten möglicherweise mit dem hartnäckigen Schweigen seiner Herkunftsfamilie über jegliche Bezüge zur NS-Zeit zu tun haben könnten. Über die eine elterliche Seite konnte er dann in Bruchstücken so viel in Erfahrung bringen, dass diese Vermutung sich erheblich bestätigt hat. Die andere Seite schwieg weiterhin. Dabei ist zu beachten, dass beide Eltern bei Kriegsende noch Kinder waren, sich also selber keineswegs schuldig gemacht haben. Aber offensichtlich stecken sie in tiefen Loyalitäten gegenüber ihren Eltern und Großeltern fest und sind selbst wohl auch mit einigem von den NS-Verbrechen in Berührung gekommen.
Was Herr H. mir über seine Kindheit und Jugend berichtete, ist ein Musterbeispiel von Parentifizierung. Er suchte mit größten Anstrengungen das Familiengleichgewicht zu sichern, ohne dafür auch nur ansatzweise die angemessene Anerkennung zu erhalten, im Gegenteil. Zugleich ließ sich dies aber nicht dadurch erklären, dass seine Eltern „schreckliche Leute“ gewesen wären. Nein, vielmehr waren sie wohl Teil einer großen Verwirrung – aber einer Verwirrung mit System, mit dem System des Schweigens der Täterseite nach der Niederlage. Unsere Therapiearbeit bestand wesentlich darin, diese tiefreichende Verwirrung überhaupt erst als solche sichtbar werden zu lassen, sodann Bezüge herzustellen zu seinem gegenwärtigen Leben und dann Herrn H. bei verschiedenen inneren und äußeren Lösungsschritten geduldig zu begleiten.
Aus einem Text, den er einmal zur Beschreibung seiner inneren Welt verfasste, gebe ich einige Sätze wieder:
„Und da (das Kind) keine Chance hat, denkt es, dass es selbst falsch ist. Und da das Kind ja falsch liegt, wäre es eine Katastrophe, den Eltern nicht zu vertrauen. Es wäre ja sonst sein Untergang.
Und schon sind wir in der Endlosschleife.
Zu lernen, dass man richtig liegt, ist bei mir nach fast 50 Jahren eine 180-Grad-Wende in meinen Leben.
Für mein Leben bedeutet das, dass ich zu 98 Prozent nur das Gestörte kenne und dies für normal hielt. Die zwei Prozent übrig gebliebene Normalität sind fast verschüttet.
Man hat fast keinen Halt. Die Waage ist schief, und auf der einen Seite liegt so viel Gewicht, dass man es ’nie‘ von alleine schafft, die Waage wenigstens so zu ‚belasten‘, dass sie wieder neutral ist und dass man klar die Dinge sehen kann und das Gewicht ganz sanft auf die eigene Seite verlagern kann. (…)
Vielleicht… und das könnte ein ganz ganz wichtiger Punkt in meinem Leben sein……..bin ich nach wie vor erst ‚leistungsfähig‘, wenn ich ein Mindestmaß an Anerkennung bekomme.
Wenn ich es nicht bekomme, dann klappe ich förmlich in mich zusammen, ja dann geht ’nichts mehr‘. Und dann läuft eben auch meine Form dementsprechend schlecht.
Und wehe, es widerspricht mir jemand. (…)
Abschließend: Ich glaube, man hat ein Bedürfnis nach Wahrheit. Doch wenn man gar nicht weiß, dass man die Wahrheit nicht kennt und sowieso keinen ‚Zugriff darauf hat’… dann bleiben ‚ganz merkwürdige Menschen‘ übrig. Das ist alles irgendwie so dermaßen kaputt.“
Anhang 4
Was heißt denn hier Erziehung?
Auch wenn ich 25 Jahre an einer „Erziehungsberatungsstelle“ gearbeitet habe, so werden Sie vielleicht bemerkt haben, dass ich ansonsten das Wort „Erziehung“ eher vermieden habe. Es klingt so sehr nach Einbahnstraße, und gerade diesem Konzept war zuvor eine Wertevermittlung als Zweibahnstraße entgegengestellt worden.
Speziell im Hinblick auf das Umgehen mit Widersprüchlichem machen mir im sogenannten Erziehungsbereich Schulen große Sorgen. In meinen 25 Jahren im „Problemgebiet“ München Hasenbergl war es mir nur etwa fünfmal vergönnt, Schüler oder Schülerinnen im Unterricht zu beobachten. Trotz vieler Bemühungen unsererseits, Durchführung von Sprechstunden, Teilnahme an Konferenzen und Gremien u.v.a., trotz mancher guter Kontakte, ein echter Widerstreit unterschiedlicher Zugangsweisen, oder drücken wir es sanfter aus, ein wirklicher Perspektivenwechsel unter gleichberechtigten Partnern war in der Praxis eher selten gesucht. Natürlich kann das von Region zu Region und von Schule zu Schule verschieden sein in unserem föderalen Land, aber ich erlaube mir dennoch hier einen mahnenden Finger zu erheben. Beratung sollte präventiv eingesetzt werden, und nicht erst, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Ich sage dies auch vor dem Hintergrund all dessen, was ich andererseits durch meine Frau kennengelernt habe, insbesondere an der von ihr wesentlich aufgebauten Montessori-Schule Wertingen bei Augsburg.[15]
Und ich spreche die an vielen Schulen immer noch bestehenden Abschottungstendenzen auch deshalb hier an, weil genau diametrale Erfahrungen mit den Münchener Kinderkrippen zu machen sind. Basierend auf einem Vertrag mit der Stadt München, also in klar strukturierten Verhältnissen, hat sich hier eine ganz ausgezeichnete Kooperation zwischen den Krippen der Stadt wie der Freien Träger mit den Erziehungsberatungsstellen und anderen Diensten etabliert, einschließlich einer hervorragenden Zusammenarbeit mit dem Jugendamt bzw. der Bezirkssozialarbeit. Oftmals konnten erst durch diese gleichberechtigte Kooperation Belange, Vorbehalte, Hindernisse auf Seiten der Familien aus dem Unbewussten hervorkommen, zum Wohle der Kinder, aber auch aller weiteren Beteiligten. Das ist ein wunderbares Beispiel für das, was heute gebraucht wird.
[1] Das Schwierige dabei ist nur: Bei solchen Kontroversen kann es natürlich sein, dass eine der beiden Seiten tatsächlich im Unrecht ist.
[2] Wurmser, Léon (1987): Flucht vor dem Gewissen. Analyse von Über-Ich und Abwehr bei schweren Neurosen. Berlin, Springer, S. 318
[3] Ebda., S. 317
[4] Ebda., S. 314
[5] Ilany Kogan (2008): Die Durchlässigkeit der Grenzen in Holocaust-Überlebenden und ihren Nachkommen. In: Radebold et al. (Hrsg.): Transgenerationale Weitergabe kriegsbelasteter Kindheiten. Interdisziplinäre Studien zur Nachhaltigkeit historischer Erfahrungen über vier Generationen. Weinheim, Juventa. S. 119-127. Zitat: S. 120.
[6] zu finden unter http://buber.de/christl/exodus20_5
[7] Siehe Jürgen und Ingeborg Müller-Hohagen (2015): Wagnis Solidarität. Zeugnisse des Widerstehens angesichts der NS-Gewalt. Gießen, Psychosozial, S. 191-200
[8] Herzka, Heinz Stefan (2005): Kinderverträglich denken und handeln. Vorträge und Stellungnahmen in Texten und Tondokumenten. Schwabe, Basel, S. 140
[9] In einer anderen Perspektive kann man auch davon sprechen, dass hier offensichtlich genetisches Erbe aus den Jäger- und Sammlerkulturen zum Wirken kommt, siehe dazu etwa Karel van Schaik, Kai Michel (2016): Das Tagebuch der Menschheit. Was die Bibel über unsere Evolution verrät. Reinbek, Rowohlt
[10] Maria Montessori (1968): Grundlagen meiner Pädagogik.Wiebelsheim, Quelle & Meyer, S. 21
[11] Christoph Goldmann (2007): „Ich sah die Bibel nicht, ich träumte sie.“ Einleitung zu: Die große Chagall Bibel. Stuttgart, Katholisches Bibelwerk, S. 5
[12] Jürgen und Ingeborg Müller-Hohagen (2015): Wagnis Solidarität. Zeugnisse des Widerstehens angesichts der NS-Gewalt. Gießen, Psychosozial
[13] Zu diesen Reflexionen aus der psychologischen Praxis fand ich dann interessante Konvergenzen in einem Buch des Philosophen Julian Nida-Rümelin (Über Grenzen denken. Eine Ethik der Migration. Hamburg, edition Körber-Stiftung, 2017) Hier entwickelt er in weitem Überblick zur aktuellen philosophischen Diskussion Vorschläge für einen veränderten, ich würde sagen: zeitgemäßen, Umgang mit den durch Globalisierung und weltweite Migrationsbewegungen bedingten Problemlagen. Sein Ansatz setzt ebenfalls darauf, die Vielfalt von Perspektiven voll zu berücksichtigen. Dazu gehört auch der Widerstreit von Werten und Wertsystemen, ohne dass aber in bloßen ethischen Relativismus verfallen würde.
[14] Siehe Müller-Hohagen, Jürgen (1994/2002): Geschichte in uns. Seelische Auswirkungen bei Nachkommen von NS-Tätern und Mitläufern. München, Knesebeck/Berlin, Pro Business
[15] Siehe dazu auch unser gemeinsames Buch: Ingeborg und Jürgen Müller-Hohagen (2008): Montessori – das Richtige für mein Kind? München, Kösel
